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Ich habe so wenig vom Leben erbeten, und selbst dieses wenige hat das Leben mir versagt. Einen Streif Sonnenlicht, eine Zeit auf dem Land, ein bißchen Ruhe und einen Bissen Brot, daß mich die Erkenntnis meiner Existenz nicht zu sehr belaste, daß ich nichts von den anderen erwarte, noch sie von mir. Selbst dies wurde mir verweigert, so als verweigere jemand ein Almosen, nicht weil er kein gutes Herz hätte, sondern um den Mantel nicht aufknöpfen zu müssen.
Traurig schreibe ich in meinem stillen Zimmer, allein, wie ich immer gewesen bin, allein, wie ich immer sein werde. Und ich frage mich, ob meine offenbar so unbedeutende Stimme nicht die Substanz Tausender Stimmen verkörpert, den Hunger Tausender Leben, sich mitzuteilen, die Geduld von Millionen Seelen, wie die meine dem alltäglichen Schicksal unterworfen, dem unnützen Traum, der aussichtslosen Hoffnung. In solchen Augenblicken schlägt mein Herz schneller, denn ich bin mir seiner bewußt. Ich lebe mehr, denn ich lebe größer. Ich spüre in meiner Person eine religiöse Kraft, eine Art Gebet, etwas, das einer Wehklage gleicht. Doch der Widerspruch steigt herab aus meinem Verstand … Ich sehe mich im vierten Stock in der Rua dos Douradores, bin müde bei mir und nicht bei mir; betrachte auf dem halbbeschriebenen Blatt das Leben ohne Fülle und Schönheit und den schlechten, aber erschwinglichen Zigarettentabak auf dem fleckigen Löschpapier. Ich hier, in diesem vierten Stock, und das Leben befragen!, sagen, was die Seelen der anderen fühlen!, Prosa schreiben wie Genies und Berühmtheiten! Ich, hier – so! …