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14. 3. 1930
Stille geht aus vom Geräusch des Regens und verbreitet sich in einem Crescendo grauer Monotonie in der engen Straße, die ich betrachte. Ich schlafe hellwach am Fenster stehend, an das ich mich, wie an alles, lehne. Ich suche in mir zu erfahren, welche Empfindungen ich habe bei dem zerfaserten Niederrinnen dunkel-lichten Wassers, das sich von den schmutzigen Fassaden und mehr noch von den geöffneten Fenstern abhebt. Doch ich weiß weder, was ich empfinde, noch, was ich empfinden will, ich weiß weder, was ich denke, noch, was ich bin.
Die ganze verspätete Bitterkeit meines Lebens legt in meinen blicklosen Augen das Gewand natürlicher Heiterkeit ab, das sie zu den vielen unerwarteten tagtäglichen Gelegenheiten trägt. Ich stelle fest, daß ich mich, sooft ich auch heiter und zufrieden bin, doch immer traurig fühle. Und was in mir dies feststellt, steht hinter mir, beugt sich gleichsam über mein Am-Fenster-Lehnen und starrt über meine Schultern und gar meinen Kopf hinweg, mit Augen, innerlicher als die meinen, auf den trägen, wellenförmig rinnenden Regen, der die graue ungute Luft ziseliert.
Könnte man doch alle Pflichten stehen- und liegenlassen, auch jene, die nichts von uns fordern, jeden heimischen Herd zurückweisen, auch den, der nicht unser ist, vom Ungenauen und von Spuren leben zwischen großem Wahnsinnspurpur und falschen Spitzenkrausen erträumter Majestäten … Etwas sein, das nicht die Last des äußeren Regens fühlt, nicht das Leid der inneren Leere … Ohne Seele und Gedanken – Empfindung ohne Empfindung – einen Weg beschreiten, der um Berge führt, durch Täler, eingebettet zwischen Steilhängen, fern und schicksalhaft … Sich in gemäldegleichen Landschaften verlieren. Nicht-Sein in Ferne und Farben …
Ein leichter Windhauch, den ich nicht spüre hinter dem Fenster, zerteilt das geradlinige Fallen des Regens in luftige Unebenheiten. Ein Teil des Himmels, den ich nicht sehe, hellt sich auf. Ich bemerke das, weil ich hinter den angeschmutzten Scheiben des gegenüberliegenden Fensters bereits undeutlich den Kalender an der Wand erkenne, den ich bisher nicht erkennen konnte.
Ich vergesse. Ich sehe nicht, denke nicht.
Der Regen hört auf, und von ihm bleibt für einen Augenblick leichter Staub aus winzigen Diamanten, als hätte man in der Höhe aus einem großen bläulichen Tischtuch Krümel geschüttelt. Man spürt, daß ein Teil des Himmels schon blau ist. Durch das gegenüberliegende Fenster ist jetzt deutlich der Kalender zu sehen. Er zeigt ein Frauengesicht, und alles andere ist einfach, weil ich mich daran erinnere, und die Zahnpastamarke ist die bekannteste von allen.
Doch woran dachte ich, bevor ich mich so sehend verlor? Ich weiß es nicht. Wille? Anstrengung? Leben? Das Licht bricht durch und läßt einen fast ganz und gar blauen Himmel ahnen. Doch keine Ruhe – ach, es wird sie nie geben! – auf dem Grund meines Herzens, diesem alten Brunnen am Ende des verkauften Landguts, Erinnerung an die mit Staub verschlossene Kindheit auf dem Dachboden eines fremden Hauses. Keine Ruhe – und ich verspüre, weh mir!, nicht einmal das Verlangen, sie zu finden …