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Ich verlieh meiner Schmach Glanz und wurde überreich an Schmerz und Vergehen. Ich habe kein Gedicht gemacht aus meinem Schmerz, doch eine feierliche Prozession. Und von dem Fenster aus, das zu mir geht, betrachte ich mit Staunen die purpurroten Sonnenuntergänge, die unbestimmten Dämmerungen grundlosen Schmerzes, durch die im Ritual meines Irrens all die Gefahren ziehen, die Bürden und Versäumnisse meiner angeborenen Unfähigkeit zu leben. Das Kind in mir – nichts hat es töten können – wohnt noch immer begeistert und bunt betreßt der Zirkusvorstellung bei, die ich selbst mir gebe. Es lacht über die Clowns, wie es sie nur im Zirkus gibt; betrachtet Zauberkünstler und Akrobaten, als seien sie das Leben selbst. Und so schläft freudlos, doch zufrieden, zwischen den vier Wänden meines Zimmers mit seiner häßlich zerschlissenen Tapete, unschuldig all die ungeahnte Qual einer übervollen Menschenseele, all die unheilbare Verzweiflung eines von Gott verlassenen Herzens.
Ich gehe nicht durch die Straßen, ich gehe durch meinen Schmerz. Und die Häuserzeilen sind all jene Verständnislosen, die meine Seele bedrängen; […] meine Schritte hallen wider auf dem Pflaster wie lächerliches Totengeläut, erschreckend in der Nacht, endgültig wie eine Quittung oder ein Grab.
Ich löse mich von mir und sehe, ich bin der Grund eines Brunnens.
Der ich niemals war, ist gestorben. Der ich hätte sein sollen, ist von Gott vergessen. Ein leeres Interludium bin ich.
Wäre ich Musiker, schriebe ich meinen eigenen Trauermarsch, und ich täte gut daran!