166
Wenn ich das Leben der Menschen aufmerksam betrachte, finde ich darin nichts, was es vom Leben der Tiere unterschiede. Die einen wie die anderen werden unbewußt durch die Dinge und die Welt geworfen; die einen wie die anderen legen hin und wieder eine Pause ein, die einen wie die anderen durchleben täglich den gleichen organischen Ablauf; die einen wie die anderen denken nicht über das hinaus, was sie denken, und sie leben auch nicht über das hinaus, was sie leben. Die Katze räkelt sich in der Sonne und schläft in ihr. Der Mensch räkelt sich im Leben mit all seinen Verwicklungen und schläft in ihm. Weder Tier noch Mensch entkommen dem schicksalhaften Gesetz, zu sein, was sie sind. Niemand versucht die Last des Seins aufzuheben. Die größten unter den Menschen lieben den Ruhm, aber nicht den Ruhm der eigenen Unsterblichkeit, sondern vielmehr eine abstrakte Unsterblichkeit, an der sie womöglich keinen Anteil haben.
Diese Überlegungen, die ich häufig anstelle, erfüllen mich unweigerlich mit Bewunderung für jene Art von Menschen, die ich sonst instinktiv ablehne. Ich meine die Mystiker und die Asketen – die Einsiedler aller möglichen Tibets und die Simon Stylites aller Säulen. Sie versuchen wirklich, wenngleich auf absurde Art, sich vom Gesetz des Tierhaften zu befreien. Sie versuchen tatsächlich, wenngleich auf törichte Art, das Gesetz des Lebens zu leugnen, sich in der Sonne zu räkeln und auf den Tod zu warten, ohne an ihn zu denken. Sie sind auf der Suche, wenn auch auf einer Säule stehend; sie verzehren sich in Sehnsucht, wenn auch in einer lichtlosen Zelle; sie wollen das Unbekannte, wenn auch im selbstauferlegten Martyrium und Leid.
Wir anderen alle, die wir animalisch und mehr oder minder vielschichtig leben, überqueren die Bühne wie stumme Mitwirkende, zufrieden mit der eitlen Feierlichkeit unseres Auftritts. Hunde und Menschen, Katzen und Helden, Flöhe und Genies spielen »wir existieren und denken uns nichts dabei« (denn die Besten von uns denken nur ans Denken) unter der großen Stille der Gestirne. Die übrigen – die Mystiker des Leidens und des Opfers – spüren zumindest mit ihrem Körper und im Alltag die magische Gegenwart des Geheimnisses. Sie sind befreit, weil sie die sichtbare Sonne leugnen; sie sind erfüllt, weil sie sich der Leere der Welt entledigt haben.
Spreche ich von ihnen, werde ich selbst fast zum Mystiker, aber ich wäre außerstande, mehr als diese Worte zu sein, die ich einer zufälligen Eingebung folgend niedergeschrieben habe. Ich werde immer zur Rua dos Douradores gehören, wie die gesamte Menschheit. Ich werde immer in Vers oder Prosa ein Büroangestellter sein. Ich werde immer, mit oder ohne Mystik, ortsgebunden und unterwürfig sein, ein Sklave meiner Empfindungen und der Stunde, in der ich sie empfinden kann. Ich werde immer, unter dem großen blauen Zelt des stummen Himmels, ein Page in einem unverständlichen Ritual sein, bekleidet mit Leben, um es vollziehen zu können, und Gesten und Schritte ausführen, ohne zu wissen weshalb, bis das Fest oder meine Rolle auf diesem Fest endet und ich in den großen Buden, hinten im Park, wie es heißt, Leckerbissen verzehren kann.