Ratschläge für unglücklich verheiratete Frauen (I)
(Unglücklich verheiratete Frauen sind alle, die verheiratet, und einige, die ledig sind.)
Hütet euch vor allem, menschenfreundliche Gefühle zu pflegen. Menschenfreundlichkeit ist ein Unding. Ich schreibe mit kalter Feder, rational, und denke an euer Wohl, ihr armen unglücklich verheirateten Frauen.
Die ganze Kunst, die ganze Befreiung besteht darin, den Geist so wenig wie möglich zu unterwerfen und statt dessen den Körper sich unserem Willen unterwerfen zu lassen.
Unmoralisch sein lohnt nicht, denn es mindert in den Augen anderer eure Persönlichkeit oder zieht sie ins Gewöhnliche herab. Innen unmoralisch sein, während euch die Menschen eurer Umgebung höchste Achtung zollen; eine hingebungsvolle und körperlich keusche Gattin und Mutter sein und dennoch unerklärliche Krankheiten [?] einfangen von sämtlichen Männern der Nachbarschaft, angefangen bei Kolonialwarenhändlern bis hin zu […] – das ist die höchste Wonne jeder Frau, die wahrhaft genießen und ihre Individualität entfalten möchte, ohne auf die Methoden einer Dienstmagd zurückgreifen zu müssen, Methoden, die ihrer Natur entsprechend und daher niedrig sind, oder auf die übertriebene Tugendhaftigkeit zutiefst dummer Frauen zu verfallen, deren Tugend gewiß Tochter des Eigennutzes ist.
Entsprechend eurer Überlegenheit, o weibliche Seelen, die ihr mich lest, werdet ihr verstehen, was ich schreibe. Alles Vergnügen entspringt dem Gehirn, und alle Verbrechen, die geschehen, werden einzig im Traum verübt! Ich entsinne mich eines schönen, wirklichen Verbrechens. Es wurde niemals begangen. Schön sind nur Verbrechen, die wir nicht kennen. Hat Cesare Borgia etwa schöne Verbrechen begangen? Glaubt mir, das hat er nicht. Wer aber zahlreiche, wunderschöne, einträgliche Verbrechen begangen hat, das war unser Traum von Borgia, die Vorstellung von Borgia, die uns innewohnt. Ich bin sicher, daß der wirkliche Cesare Borgia banal und dumm war; und dies zwangsläufig, da existieren nun einmal dumm und banal ist.
Ich gebe euch diese Ratschläge uneigennützig und wende meine Methode auf einen Fall an, der mich nicht persönlich betrifft. Ich träume von Macht und Ruhm; Sinnlichkeit hat in meinen Träumen keinen Platz. Doch ich möchte euch nützlich sein, wenn auch nur, um mich zu verdrießen, denn ich verabscheue alles Nützliche. Ich bin Altruist auf meine Weise.