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23. 3. 1933
Das Leben ist für die meisten eine Plackerei, die man, ohne es zu bemerken, erträgt, etwas Trauriges mit heiteren Intermezzi, etwas Anekdotenhaftes, wie es die Geschichten haben, die man sich bei Totenwachen erzählt, um die langen stillen Stunden der Nacht wach zu durchstehen. Ich fand es immer müßig, das Leben als ein Tränental zu sehen; gewiß, es ist ein Tränental, doch weint man dort nur wenig. Heine sagte, nach den großen Tragödien müßten wir uns stets schneuzen.[61] Als Jude und folglich universaler Geist hat er die universale Natur der Menschheit klar durchschaut.
Das Leben wäre unerträglich, wären wir uns seiner bewußt. Zum Glück sind wir es nicht. Wir leben unbewußt dahin, nichtig und unnütz wie Tiere, und wenn wir den Tod vorwegnehmen, was sie vermutlich nicht tun, Genaues aber weiß man nicht, nehmen wir ihn durch so viel Ablenkung, Vergessen und Verdrängen vorweg, daß wir kaum behaupten können, wir seien uns seiner eingedenk.
So leben wir, und das ist wenig, um sich Tieren überlegen zu fühlen. Wir unterscheiden uns von ihnen einzig durch das rein äußerliche Merkmal, sprechen und schreiben zu können, durch eine abstrakte Intelligenz, die uns von der konkreten ablenkt, und durch unsere Fähigkeit, uns Unmögliches vorzustellen. All dies gehört zufällig zu unserem organischen Wesen. Sprechen und Schreiben haben keinerlei Einfluß auf unseren natürlichen und unbewußten Lebenstrieb. Unsere abstrakte Intelligenz dient einzig dazu, Systeme oder Pseudosysteme zu ersinnen, was bei Tieren einem In-der-Sonne-Liegen entspräche. Doch sich das Unmögliche vorzustellen ist vielleicht nicht nur eine menschliche Eigenart, denn ich habe Katzen den Mond anschauen sehen, und wer weiß, vielleicht hätten sie ihn gern für sich gehabt.
Die ganze Welt, das ganze Leben ist ein weitläufiges System unbewußter Kräfte, die durch unser individuelles Bewußtsein hindurch wirken. So wie man aus zweierlei Gasen mittels elektrischen Stroms eine Flüssigkeit herstellen kann, kann man auch aus zweierlei Bewußtsein – dem unseres konkreten und dem unseres abstrakten Seins – vermittels des Lebens und der Welt ein höheres Bewußtsein bilden.
Glücklich, wer nicht denkt, da er instinktiv und dank seiner organischen Bestimmung verwirklicht, was wir anderen auf Umwegen und infolge einer nicht organischen oder gesellschaftlichen Bestimmung verwirklichen müssen. Glücklich, wer den Tieren am ähnlichsten kommt, denn er ist mühelos, was wir alle nur unter selbstauferlegten Mühen sind; er kennt den Weg nach Hause, den wir anderen nur auf imaginären Neben- und Umwegen finden; denn wie ein Baum in der Landschaft verwurzelt, ist er Teil der Landschaft und somit der Schönheit, während wir nur Mythen des Übergangs sind, Statisten des Unnützen und des Vergessens, im lebendigen Kostüm des Lebens.