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14. 5. 1930


Die Realität als eine Form der Illusion erkennen und die Illusion als eine Form der Realität ist so notwendig wie nutzlos. Das kontemplative Leben muß, um überhaupt existieren zu können, die objektiven Akzidenzien als weitverstreute Prämissen für eine Folgerung betrachten, die es nicht ziehen kann; doch muß es zugleich die nicht notwendig wahre Beschaffenheit des Traumes in gewisser Weise der Aufmerksamkeit als wert erachten, die wir ihm widmen und die genau uns zu kontemplativen Menschen macht.

Jedes Ding ist, je nachdem, wie man es betrachtet, ein Wunder oder ein Hemmnis, ein Alles oder ein Nichts, ein Weg oder ein Problem. Es immer wieder anders betrachten heißt, es erneuern und vervielfältigen. Daher hat ein kontemplativer Mensch, ohne sein Dorf je zu verlassen, gleichwohl das ganze Universum zu seiner Verfügung. Das Unendliche findet sich in einer Zelle wie in einer Wüste. Auf einem Stein kann man kosmisch schlafen.

Es gibt jedoch Augenblicke des Nachdenkens – und jeder, der nachdenkt, kennt sie –, in denen einem alles verbraucht, alles alt und alles wie ein Déjà-vu erscheint, obgleich man es noch nie gesehen hat. Denn sosehr wir auch über etwas nachdenken und es durch unser Nachdenken verändern, es wird doch immer Gegenstand unseres Nachdenkens bleiben. Irgendwann überkommt uns die Sehnsucht nach dem Leben, wir möchten erkennen ohne die Erkenntnis, nachdenken nur mit den Sinnen oder tastend und fühlend denken, aus dem Gegenstand unseres Denkens heraus, als wären wir Wasser und er ein Schwamm. Dann wird auch für uns Nacht, und die große emotionale Müdigkeit verstärkt sich noch, da sie vom Denken kommt. Doch ist die Nacht ohne Ruhe, ohne Mond und ohne Sterne eine Nacht, als wäre alles umgekrempelt – das Unendliche nach innen genommen und eingeschränkt und der Tag zum schwarzen Futter eines nie gesehenen Anzugs.

Ja, es ist besser, immer besser, die menschliche Schnecke zu sein, die liebt, was sie nicht kennt, der Blutegel, der nicht weiß, wie abstoßend er ist. Die Unwissenheit als Leben haben, das Fühlen als Vergessen! Wie viele Geschichten sind nicht verlorengegangen im grünweißen Kielwasser der Karavellen, kalter Speichel des hohen Steuerruders, Nase unter den Augen der alten Kajüten!


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