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16. und 17. 10. 1931
Ja, die Sonne geht unter. Gemächlich und gedankenverloren gelange ich ans Ende der Rua da Alfândega, und kaum leuchtet mir der Terreiro do Paço[42] entgegen, sehe ich deutlich den sonnenlosen Himmel im Westen. Ein blauer Himmel, ins Grüne spielend zum Grauweißen hin, und auf der Linken, über den Hügeln des anderen Tejo-Ufers, ballt sich bräunlich und leblos rosa Nebel zusammen. Ein tiefer, mir fremder Friede beherrscht kalt die abstrakte Herbstluft. Und da er mir fremd ist, bereitet mir die Vorstellung, er sei es nicht, ein vages Vergnügen. Doch in Wirklichkeit ist weder Friede noch kein Friede, nur Himmel, Himmel in allen verblassenden Farben: Weißblau, noch blauendes Grün, Aschgrau zwischen Grün und Blau, verschwommene ferne Farbtöne von Wolken, die keine Wolken sind, schwachgelb getrübt von schwindendem Rot. Und dies alles ergibt ein Bild, das kaum wahrgenommen erlischt, ein beschwingtes Interludium zwischen nichts und nichts, das stattfindet in der Höhe, in Schattierungen des Himmels und des Kummers, unbestimmt und unbegrenzt.
Ich fühle, und ich vergesse. Das Sehnen aller Menschen nach allem durchdringt mich wie ein Opium der kühlen Luft. Das äußere Sehen hat mich innerlich in Ekstase versetzt.
Zur Flußmündung hin, wo die untergehende Sonne Stück um Stück versinkt, erlischt das Licht in fahlem Weiß, das ein kaltes Grün blau färbt. Die Luft steht still vor allem nie Erreichten. Hoch schweigt die Landschaft des Himmels.
In dieser Stunde, in der ich überströmend fühle, wünschte ich, ich könnte schreiben nach allen Regeln der Kunst, begnadet und ungehindert frei. Doch nein: dieser ferne, hohe, sich auflösende Himmel ist alles im Augenblick, und mein Gefühl, ein Wirrwarr so vieler Gefühle, ist nur der Widerschein dieses nichtigen Himmels in einem See in mir – ein See, eingeschlossen von schroffen Felsen, still, mit totem Blick, in dem die Höhe sich selbstvergessen betrachtet.
So viele Male, so viele, hat mich, wie jetzt, das Gefühl zu fühlen bedrückt – Angst fühlen, nur weil es ein Fühlen ist, Beunruhigung über mein Hiersein, Sehnsucht nach Unbekanntem, Sonnenuntergang aller Gefühle, mein Vergilben zur grauen Traurigkeit im äußeren Bewußtsein meiner selbst.
Ach, wer rettet mich vor dem Existieren? Ich will nicht den Tod und auch nicht das Leben: Ich will das andere, das auf dem Grund meines Verlangens glitzert wie ein möglicher Diamant in einer Höhle, zu der man nicht hinabsteigen kann. Es ist das ganze Gewicht und der ganze Kummer dieses wirklichen und unmöglichen Universums, dieses Himmels, Standarte eines unbekannten Heeres, dieser allmählich verblassenden Farben in der erdachten Luft, aus der starr und elektrisch weiß die imaginäre Sichel eines zunehmenden Mondes steigt, herausgeschnitten aus Ferne und Fühllosigkeit.
Dies alles zeigt die Abwesenheit eines wahren Gottes, eine Abwesenheit, die der leere Leichnam des hohen Himmels ist und der verschlossenen Seele. Unendliche Gefangenschaft, und kein Entfliehen, da du unendlich bist!