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Zuweilen überkommt mich – und dann meist urplötzlich – mitten im Fühlen eine so furchtbare Lebensmüdigkeit, daß ich nicht die geringste Möglichkeit sehe, sie zu bezwingen. Selbstmord scheint mir ein zweifelhaftes Mittel und der Tod, auch wenn er Bewußtlosigkeit bringt, als nicht ausreichend. Diese Müdigkeit sehnt sich nicht nach dem Ende meines Daseins – was durchaus möglich oder nicht möglich wäre –, sondern nach etwas weit Schrecklicherem, Tiefergehendem, nämlich, niemals existiert zu haben, was ganz und gar unmöglich ist.
Hin und wieder vermeine ich in den gemeinhin wirren Spekulationen der Hindus etwas von diesem Sehnen zu erkennen, das noch negativer ist als das Nichts. Doch entweder mangelt es ihnen an Empfindungsschärfe, um wiederzugeben, was sie denken, oder aber es fehlt ihnen der gedankliche Scharfsinn, um wirklich zu fühlen, was sie fühlen. Tatsache ist, daß ich das, was ich bei ihnen zu erkennen glaube, nicht deutlich sehen kann. Tatsache ist, daß ich mich für den ersten halte, der die finstere Absurdität dieser heillosen Empfindung Worten anvertraut.
Ich heile sie, indem ich sie niederschreibe. Ja, für jede wirklich tiefe Trübsal, sofern sie nicht nur Gefühl ist, sondern auch Ausdruck des Verstandes, gibt es immer das ironische Heilmittel, sie in Worte zu kleiden. Und hätte die Literatur auch sonst keinen Nutzen, dann zumindest diesen, wenn auch nur für wenige.
Leider schmerzen die Leiden des Verstandes weniger als die des Gefühls und die des Gefühls leider weniger als die des Körpers. Ich sage »leider«, weil die Würde des Menschen eigentlich das Gegenteil verlangte. Kein banges Empfinden eines Geheimnisses kann so schmerzen wie Liebe, Eifersucht und Sehnsucht, kann so erstickend wirken wie intensive körperliche Angst, kann so verwandeln wie Zorn oder Ehrgeiz. Doch kann auch kein die Seele zerreißender Schmerz so wirklich Schmerz sein, wie Zahnschmerzen es sein können, Koliken oder (vermute ich) Geburtsschmerzen.
Wir sind so beschaffen, daß der Verstand, der gewisse Emotionen oder Empfindungen adelt und über andere erhebt, sie auch herabwürdigt, wenn er ihre Analyse zu einem Vergleich zwischen ihnen allen ausweitet.
Ich schreibe, als schliefe ich, und mein ganzes Leben ist eine noch nicht unterschriebene Quittung.
In seinem Stall, aus dem er auf die Schlachtbank kommt, kräht der Hahn Hymnen auf die Freiheit, weil man ihm zwei Sitzstangen gegeben hat.