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26. 1. 1932
Ich frage mich beständig und versuche zu verstehen, wie andere Menschen existieren, wie es Seelen geben kann, die anders als die meine sind, wie es ein Bewußtsein geben kann, das dem meinen fremd ist, das, weil es Bewußtsein ist, mir das einzige Bewußtsein zu sein scheint. Ich verstehe wohl, daß der Mensch, der vor mir steht und zu mir in Worten spricht, als seien es die meinen, und gestikuliert, wie ich oder wie ich es tun könnte, in gewisser Weise meinesgleichen ist. Ebenso aber ergeht es mir mit Bildgestalten, die ich mir vorstelle, mit Romanfiguren und Personen, die durch Schauspieler verkörpert in einem Drama auf der Bühne zu mir sprechen.
Niemand, vermute ich, gesteht einem anderen Menschen wirklich wahre Existenz zu. Er mag einräumen, daß dieser Mensch lebendig ist, daß er fühlt und denkt wie er, aber es wird da immer ein namenloses Etwas des Unterschieds, eine materialisierte Benachteiligung bestehen. Es gibt Gestalten aus der Vergangenheit, geistige Bilder aus Büchern, die wirklicher für uns sind als diese verkörperte Gleichgültigkeit, die mit uns über den Ladentisch hinweg spricht, uns zufällig in der Elektrischen ansieht oder als Passant im toten Zufall der Straßen streift. Die anderen sind für mich nicht mehr als Kulisse, meist die unsichtbare einer bekannten Straße.
So manch literarische Gestalt, so manch bildliche Darstellung steht mir näher, ist mir verwandter und vertrauter als viele der sogenannten wirklichen Menschen mit ihrer metaphysischen, Fleisch und Blut genannten Nutzlosigkeit. Und dieses »Fleisch und Blut« beschreibt sie in der Tat bestens: Sie wirken wie Fleischstücke in der marmornen Auslage einer Metzgerei, tote Leben, blutend wie lebendige, Koteletts und Keulen des Schicksals.
Ich schäme mich dieser Gefühle nicht, denn ich habe festgestellt, daß alle so fühlen. Die scheinbar unter den Menschen herrschende Geringschätzung oder Gleichgültigkeit, die es erlaubt, zu töten wie Mörder, die nicht fühlen, daß sie töten, oder wie Soldaten, die nicht darüber nachdenken, was sie tun, rührt daher, daß niemand der scheinbar abstrusen Tatsache Beachtung schenkt, daß die anderen ebenfalls Menschenseelen sind.
An manchen Tagen, zu manchen Zeiten, herbeigeweht von ich weiß nicht welcher Brise und mir erschlossen durch das Aufgehen ich weiß nicht welcher Tür, spüre ich mit einem Mal, daß der Kolonialwarenhändler an der Ecke ein geistiges Wesen, daß der Lehrling, der sich in diesem Augenblick an der Tür über den Kartoffelsack beugt, tatsächlich eine leidensfähige Seele ist.
Als man mir gestern erzählte, der Angestellte des Tabakladens habe Selbstmord begangen, kam mir dies wie eine Lüge vor. Der Ärmste, er hatte also ebenfalls existiert! Wir hatten das ganz vergessen, wir alle, wir alle, die ihn auf die gleiche Weise kannten wie alle, die ihn nicht kannten. Morgen werden wir ihn um so leichter vergessen. Daß er aber eine Seele hatte, steht fest, denn schließlich hat er sich umgebracht. Leidenschaft? Angst? Zweifellos … Doch mir wie der gesamten Menschheit bleibt nur die Erinnerung an ein dümmliches Lächeln über einem buntgemusterten, schmutzigen und an den Schultern schief sitzenden Jackett. Das ist alles, was ich behalten habe von jemandem, der so stark gefühlt hat, daß er sich vor lauter Gefühl das Leben genommen hat, denn aus einem anderen Grund bringt sich wohl niemand um … Ich dachte einmal, als ich bei ihm Zigaretten kaufte, daß er bald eine Glatze bekäme. Dazu ist ihm nun keine Zeit mehr geblieben. Das ist eine der Erinnerungen, die ich an ihn habe. Was für eine sonst könnte ich haben, da sie im Grunde nicht ihm gilt, sondern an einen meiner Gedanken anknüpft?
Plötzlich sehe ich seinen Leichnam vor mir, den Sarg, in den sie ihn gelegt, das so fremde Grab, in das sie ihn gebettet haben müssen. Und nun erkenne ich, daß der Kassierer des Tabakladens, mit seinem schiefsitzenden Jackett, in gewisser Weise die gesamte Menschheit war.
Ein Gedankenblitz nur. Doch ist mir hier und heute klar, als Mensch, der ich bin, daß er gestorben ist. Und das ist alles.
Jawohl, die anderen existieren nicht … Nur für mich verweilt dieser flügelschwere Sonnenuntergang mit seinen trüben, harten Farben. Nur für mich flirrt, ohne daß ich ihn fließen sehe, der große Fluß in der untergehenden Sonne. Nur für mich wurde dieser große Platz am Fluß geschaffen, dessen Wasser jetzt steigt. Hat man den Kassierer des Tabakladens heute im Massengrab beigesetzt? Der heutige Sonnenuntergang ist nicht für ihn. Doch da ich dies denke, hat er auch für mich, ohne daß ich es wollte, aufgehört zu sein …