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Verzicht ist Befreiung. Nicht wollen ist können. Was kann mir China geben, das meine Seele mir. nicht schon gegeben hätte? Und wenn meine Seele es mir nicht geben kann, wie dann kann China es mir geben, da ich China mit meiner Seele sehen werde, falls ich es sehen sollte! Ich könnte im Orient nach Reichtum suchen, nicht aber nach dem Reichtum der Seele, denn der Reichtum meiner Seele bin ich, und ich bin, wo ich bin, mit oder ohne Orient.

Ich verstehe, daß reisen muß, wer unfähig ist zu fühlen. Daher sind Reisebücher auch so arm an Erfahrung, sie taugen nur so viel wie die Vorstellungskraft dessen, der sie schreibt. Besitzt der Schreiber Vorstellungskraft, kann er uns verzaubern, und dies ebenso mit der detaillierten, photographisch genauen Beschreibung von Landschaften, die er sich vorstellte, wie mit der zwangsläufig weniger detaillierten Beschreibung von Landschaften, die er zu sehen vermeinte. Wir alle sind kurzsichtig, ausgenommen nach innen. Nur unsere Traumaugen brauchen keine Brille.

Unsere irdische Erfahrung kennt im Grunde nur zweierlei: das Allgemeine und das Besondere. Das Allgemeine beschreiben heißt das beschreiben, was allen menschlichen Seelen und aller menschlichen Erfahrung gemein ist: den weiten Himmel mit Tag und Nacht, die an ihm und durch ihn werden; das Fließen der Flüsse, alle von gleich jungfräulich frischem Wasser; die Meere, weit wogende Wellenberge, die Majestät der Höhe im Geheimnis der Tiefe bewahrend; die Jahreszeiten, Felder, Gesichter und Gesten; die Verkleidungen und das Lächeln; die Liebe und den Krieg; die Götter, gleichermaßen endlich und unendlich; die gestaltlose Nacht, Mutter des Weltenursprungs, das Fatum, jenes geistige Ungeheuer, das alles ist … Beschreibe ich dies oder etwas ähnlich Allgemeines, spricht meine Seele die primitive, göttliche Sprache, das Idiom Adams, das alle verstehen. Doch welch wirre, babylonische Sprache müßte ich sprechen, wollte ich den Santa-Justa-Aufzug[22] in Lissabon, die Kathedrale von Reims, die Hosen der Zuaven oder die Art beschreiben, wie man Portugiesisch in der Provinz Trás-os-Montes spricht? Dies sind Unebenheiten an der Oberfläche, fühlbar mit unseren Füßen, nicht aber mit unserem Kopf. Das Allgemeine am Santa-Justa-Aufzug ist die Mechanik, die uns das Leben erleichtert. Das Wahre an der Kathedrale von Reims ist weder die Kathedrale noch Reims, sondern die religiöse Majestät von Bauwerken, die dem Erkennen der menschlichen Seelentiefe gewidmet sind. Ewig an den Hosen der Zuaven ist die mit ihnen verbundene farbige Vorstellung von Trachten, eine menschliche Sprache, deren gesellschaftliche Einfachheit in gewisser Weise eine neue Nacktheit ist. Das Allgemeine an unterschiedlichen Mundarten ist der heimische Stimmklang von spontan lebenden Leuten, die Verschiedenheit einander naher Menschen, das bunte Erbe der Lebensweisen, die Unterschiedlichkeit der Völker und die große Vielfalt der Nationen.

Ewige Reisende in uns selbst, sind unsere Landschaften, was wir sind. Wir besitzen nichts, weil wir nicht einmal uns besitzen. Wir haben nichts, weil wir nichts sind. Welche Hände sollte ich nach welchem Universum ausstrecken? Das Universum ist nicht mein: ich bin es.


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