»Das Drama im Menschen«
Zum Gedenken an Manuel Herminio Monteiro
Nachwort des Verlegers zur revidierten Neuausgabe 2003
Fernando Pessoa, dieser Einsame, Große, dessen Werk sich als ein insularer Kontinent in die literarische Geographie der Welt eingeschrieben hat, durchmaß mit kleinen Schritten und einem unbestimmbaren, von innen nach innen träumenden Schauen seinen Kosmos, die Baixa von Lissabon. Sie gab die Bühne ab für sein Leben, Proszenium und Szene zugleich, millimetergenau erfaßte er das Äußere, das Um-ihn-herum mit seinen unablässig vorüberziehenden, parlierenden oder in der nachmittäglichen Ruhe dösenden Menschen, den Gerüchen aus Garküchen und den Rauchschwaden in Kaffeehäusern und Kneipen, den hastig-verschämt gekippten Ginjinhas in Toreingängen, den Tabakläden mit ihren besonderen Opiaten, den flüchtigen Zeitungen mit ihren Nachrichten aus einer Gegenwart from the old world, den schüchtern bimmelnden Elektrischen in den engen Straßen der Unterstadt und mit dem Wind, der vom Meer, vom Tejo her, in die Stadt zieht, dem Regen und dem vom Fahlen ins Blendende wechselnden Farbenspiel unzähliger Sonnenauf- und -untergänge. Eine lebendige, eine menschliche Stadt, über der und durch die ein Hauch von eigen anmutender Melancholie zu wehen scheint.
Das In-ihm-selbst, das in seinem monströsen Umfang nur schwer Erfaßbare, das für uns Leser zu Literatur geworden ist, war seine eigentliche Lebensbühne, die Szene seiner selbst, und auf ihr trat er mit Persönlichkeiten und deren Texten, seinen eigenen Schöpfungen, in einen dichterischen Wettbewerb, der sein unvergleichliches Werk ausmacht und das er, der »dramatische Dichter«, als den er sich empfand, unter dem Titel »Das Drama im Menschen« gesehen hat. Bühne und Spiel – und doch mehr, weil mit dem Leben bezahlt, aber: Gibt es ein Mehr, das darüber hinausginge, ist nicht jedes Leben, selbst das geringste, mit dem Leben bezahlt?
Wenn wir beim Bild der Szene, der Bühne bleiben, dann kann Das Buch der Unruhe so etwas sein wie der Spielboden für Pessoas Schöpfungen, buchstäblich die Bretter, die die Welt bedeuten. Auf ihr wirken, nebst dem von seinem Schöpfer so bezeichneten und über sich selbst gestellten bukolischen Meister Alberto Caeiro, der gelehrte Arzt und Oden-Dichter Ricardo Reis und Álvaro de Campos, der in die Ingenieurskunst verliebte Moderne; zu ihnen, den bedeutenden Dichtern, kommen Alexander Search hinzu, der das Höchste erstrebende, sich gleichzeitig noch auf der Suche danach befindliche englischschreibende Poet, António Mora, der »transzendentale Heide« und »gnostische Christ«, Baron von Teive, der Stoiker, und der mit seinem Erfinder spiegelbildlich verwandte Bernardo Soares, der fleißige Hilfsbuchhalter im Stoffgeschäft von Vasques & Co. in der Unterstadt Lissabons, dem wir die Fragmente des Buches der Unruhe verdanken. Vorzustellen haben wir uns zu den Genannten noch eine Vielzahl von Statisten, deren Namen wir zwar kennen, deren Werke aber nie geschrieben worden sind oder von denen wir nur kleine Proben ihres Könnens vorliegen haben. Sie alle, nicht zuletzt zusammen mit ihrem Erfinder Fernando Pessoa selbst, sind Figuren in diesem großen Spiel, das uns das Werk des Portugiesen als »Drama im Menschen« vor Augen führt. Es ist also ein Weltentwurf zu denken, der als Inszenator den Namen Fernando Pessoas trägt.
Wir werden mit unserer auf den neuesten Stand gebrachten Neuausgabe der Werke Fernando Pessoas diesem vom Autor vorgegebenen Spiel folgen und die einzelnen Bände den jeweiligen Autoren (Heteronymen) und ihrem Werk zuordnen. Wir folgen damit den verdienstvollen Textausgaben des Verlags Assírio & Alvim in Lissabon, der die erste verläßliche und auf dem neuesten Stand der Forschung publizierte Ausgabe der komplexen Werke Fernando Pessoas veröffentlicht. Besonders hervorheben möchte ich an dieser Stelle meinen Kollegen und Freund Manuel Hermínio Monteiro, der mit seinen Mitarbeitern unermüdlich am Zustandekommen einer textgetreuen und verbindlichen Werkausgabe gearbeitet hat. Er ist, vor Abschluß dieser Ausgabe, mitten aus der Arbeit heraus abberufen worden.
1985 hat der Ammann Verlag erstmals Das Buch der Unruhe in der Übersetzung von Georg Rudolf Lind in deutscher Sprache veröffentlicht. Grundlage für diese Übersetzung war die 1982 im Verlag Ática, Lissabon, erschienene portugiesische Erstausgabe des Werkes, die dem damaligen Stand der Forschung entsprochen hat.
Mit dem Vorliegen der über die Hälfte des vorherigen Textumfangs erweiterten Neuausgabe des Buches der Unruhe, dem ersten Band unserer Neuedition (so wie Pessoa selbst sich dieses Werk als ersten Band einer möglichen Gesamtausgabe gedacht hat), ist es am Platz, des verdienstvollen Inspirators und Wegbereiters einer stets wachsenden Pessoa-Rezeption im deutschen Sprachraum, Herrn Professor Dr. Georg Rudolf Lind, zu gedenken. Er ist dem Werk des Dichters gefolgt, und als kenntnisreicher Cicerone hat er mit seinen Übersetzungen, begleitenden Essays und wissenschaftlichen Arbeiten dieses dem deutschsprachigen Lesepublikum nahegebracht. Er war der deutschsprachige Mentor des Dichters, der dessen Werk selbst in Portugal bis zu seinem zu frühen Tod am 9. Januar 1990 unermüdlich in die weltliterarischen Beziehungsfelder gestellt hat. Ihm, Georg Rudolf Lind, schulden wir Leser Dank für seine Vermittlertätigkeit, wir schulden ihm Dank für seine bewundernswerte Leistung, eines der großen europäischen Werke des 20. Jahrhunderts in die deutsche Sprache gebracht zu haben.
Die berühmte Truhe, worin der Nachlaß des Dichters Jahrzehnte überdauert hat und die nun in der Nationalbibliothek in Lissabon steht, scheint unerschöpflich zu sein. Richard Zenith, der Herausgeber der portugiesischen Neuausgabe des Buches der Unruhe, die 1998 im Verlag Assírio & Alvim erschienen ist, hat diesen Nachlaß neu gesichtet und gewertet, und er konnte wesentliche Texte, die bisher unbeachtet geblieben waren, eindeutig dem Buch der Unruhe zuordnen, das Pessoa bei seinem Tod 1935 als lose Fragmente-Sammlung hinterlassen hatte; lediglich als Notizen finden sich Hinweise auf die Zusammenstellung und die Gestaltung des künftigen Inhalts. Es ist Zeniths Verdienst, in mühevoller Kleinstarbeit diese Fragmente und Textpartikel in eine thematisch und zeitlich nachvollziehbare Ordnung gebracht zu haben.
Unsere vorliegende deutschsprachige Ausgabe ist eine über weiteste Strecken des Werkes neue Übersetzung von Inés Koebel. Sie hat es unternommen, auch jene von Georg Rudolf Lind übersetzten Passagen, wo die Zeit dies notwendig gemacht hat, zu revidieren. Damit ist ein Hauptwerk der portugiesischen, der europäischen und – seien wir nicht zu bescheiden – der Weltliteratur in deutscher Sprache neu und gültig zugänglich.
Egon Ammann