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3. 12. 1931
Während meiner ersten Zeit in Lissabon erklangen aus der Etage über uns beständig Tonleitern auf einem Klavier, das eintönige Üben eines Mädchens, das ich nie zu Gesicht bekam. Heute muß ich feststellen, daß ich in den Kellern meiner Seele, wenn die Tür dort unten aufgeht, dank mir unbekannter Infiltrationsvorgänge noch immer die auf dem Klavier heruntergehämmerten Tonleitern des Mädchens höre, das längst eine Frau ist oder tot und eingeschlossen an einem weißen Ort, wo dunkel Zypressen grünen.
Ich bin nicht mehr das Kind von damals; das Geklimper aber ist in meiner Erinnerung, wie es in der Wirklichkeit war; und wenn es von dort erklingt, wo es vorgibt zu schlafen, ist es die immer gleiche langsame Fingerübung, die immer gleiche rhythmische Monotonie. Wenn ich es fühle oder darüber nachdenke, überkommt mich eine vage, beängstigende, mir eigene Traurigkeit.
Ich beweine nicht den Verlust meiner Kindheit; ich weine, weil alles, einschließlich meiner Kindheit, verloren ist. Das abstrakte Verrinnen der Zeit, nicht das konkrete meiner eigenen Tage, schmerzt mich körperlich in meinem Gehirn, das unaufhörliche, unfreiwillige Wiederholen der Tonleitern auf dem Klavier von oben, erschreckend anonym und fern. Das große Geheimnis, daß nichts von Dauer ist, hämmert und wiederholt etwas, das nicht zu Musik gedeiht, sondern auf dem absurden Grund meiner Erinnerungen Sehnsucht bleibt.
Unmerklich entsteht in meiner Vorstellung der kleine Salon, den ich nie sah, in dem die Klavierschülerin, die ich nicht kannte, noch heute längst verhallte, immergleiche Tonleitern sorgfältig Finger um Finger übt. Ich sehe es, sehe mehr und mehr, rekonstruiere sehend. Und vor meinem inneren Auge entsteht aus meinem staunenden Betrachten die gesamte Wohnung im oberen Stockwerk, an die ich mich heute mit einer Sehnsucht erinnere, die ich gestern nicht kannte.
Ich nehme jedoch an, daß es sich hierbei um eine Übertragung handelt, daß die Sehnsucht, die ich verspüre, nicht wirklich meine eigene ist, noch wirklich abstrakt, sondern nur die aufgefangene Emotion irgendeines Dritten, für den diese bei mir literarischen Emotionen buchstäblich vorhanden sind, wie Vieira sagen würde. Meine mutmaßlichen Gefühle also schmerzen und ängstigen mich, und meine Phantasie und »Andersart« ersinnen und verspüren jene Sehnsucht, die mir Tränen in die Augen treibt.
Und immer wieder erklingen mit einer Beständigkeit, die aus der Tiefe der Welt kommt, mit einer Hartnäckigkeit, die metaphysisch übt, die Tonleitern der Klavierschülerin in der Wirbelsäule meiner Erinnerung. Sie sind die Straßen von einst mit anderen Leuten, die gleichen Straßen, die heute anders sind; Tote, die zu mir sprechen durch die Transparenz ihrer Abwesenheit; Schuldgefühle wegen Getanem oder Unterlassenem, Bachgeplätscher in der Nacht, Geräusche unten im stillen Haus.
Schreien möchte ich in meinem Kopf. Sie anhalten, zerbrechen, zermalmen, die unausdenkliche Grammophonplatte, die immerfort spielt in mir, wo sie nicht hingehört, mich foltert, und ich kann nichts tun. Meine Seele, ein Gefährt mit fremden Insassen, soll anhalten, mich aussteigen lassen und ohne mich weiterfahren. Ich werde verrückt bei diesem Zuhören-Müssen. Und doch bin letztlich ich es, in meinem hassenswert sensiblen Gehirn, in meiner dünnen Haut, meinen blankliegenden Nerven, der diese Tonleitern, diese Tasten spielt, o entsetzliches, urpersönliches Piano unserer Erinnerung!
Und unablässig, unablässig, als hätte sich ein Teil meines Gehirns selbständig gemacht, erklingen die Tonleitern unter und über mir, in dem ersten Haus, in dem ich lebte, als ich nach Lissabon kam.