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Meine lebenswichtige Gewohnheit, an nichts zu glauben, insbesondere an nichts Instinktives, und meine natürliche Neigung zur Unaufrichtigkeit verneinen alle Hindernisse, die mich davon abhalten, beständig entsprechend zu handeln.
Im Grunde gestalte ich meinen Traum vermittels anderer, beuge mich ihren Meinungen, um sie mir mit meinem Verstand und meiner Intuition zu eigen zu machen (da ich keine Meinung habe, kann ich die ihre so gut wie jede andere annehmen), um sie nach Belieben zurechtzubiegen und aus den fremden Persönlichkeiten etwas meinen Träumen Verwandtes zu gestalten.
Ich stelle den Traum derart dem Leben voran, daß es mir gelingt – im verbalen Umgang (einen anderen habe ich nicht) –, weiterzuträumen und durch fremde Meinungen und fremde Gefühle auf der fließenden Linie meiner amorphen Persönlichkeit fortzubestehen.
Die anderen sind Kanäle oder Rinnen, in denen das Meerwasser nur nach ihrem Gefallen fließt und durch sein Glitzern in der Sonne ihre krummen Gedankenläufe wirklicher zeigt, als ihre Trockenheit dies je könnte.
Bei rascher Analyse scheint mir mitunter, daß ich ein Parasit der anderen bin, in Wirklichkeit aber nötige ich sie, Parasiten meiner künftigen Gefühlsregungen zu sein. Ich lebe und wohne in den Gehäusen ihrer Persönlichkeiten. Ich präge ihre Schritte meinem Geist ein und nehme sie so tief in mein Bewußtsein auf, daß letztlich ich es bin, der diese Schritte vollzogen hat und diese Wege gegangen ist.
Da ich die Gewohnheit habe, mich aufzuspalten, und gleichzeitig zwei oder mehreren Gedankengängen folge, kann ich, indem ich mir die Art des Fühlens anderer mit äußerster Klarheit zu eigen mache, in mir ihren mir unbekannten Seelenzustand analysieren und zu einer rein objektiven Analyse ihres Seins und Denkens kommen. So, zwischen Träumen, ohne meine Träumerei auch nur für einen Augenblick zu unterbrechen, durchlebe ich nicht nur die Quintessenz ihrer bisweilen abgestorbenen Emotionen, sondern ergründe und ordne auch die innere Logik ihrer verschiedenen, bisweilen noch auf dem Seelengrund schlafenden Geisteskräfte ein.
Und bei alledem entgeht mir nichts – nicht ihre äußere Gestalt, nicht ihre Kleidung noch ihre Gesten. Ich erlebe zugleich ihre Träume, ihre triebhafte Natur, ihren Körper und ihre Verhaltensweisen. In einer großen geeinten Zersplitterung bin ich überall zugleich in ihnen, und ich erschaffe und bin in jedem Augenblick unseres Gesprächs eine Vielfalt bewußter wie unbewußter, analysierter wie analytischer Wesen, die sich zu einem weit offenen Fächer vereinen.