Von der Kunst des rechten Träumens II
Schiebe alles auf. Tue niemals heute, was du auf morgen verschieben kannst. Alles Tun ist müßig, heute wie morgen.
Überlege nie, was du tun wirst. Tue es nicht.
Lebe dein Leben. Laß dich nicht von ihm leben. Im Recht oder im Unrecht, im Schmerz oder im Wohlergehen: Sei du selbst. Dies aber vermagst du nur im Traum, denn dein wirkliches, menschliches Leben gehört nicht dir, es gehört den anderen. Ersetze also das Leben durch den Traum, und sei einzig darauf bedacht, vollendet zu träumen. Bei allem Geschehen im wirklichen Leben, vom Geborenwerden bis zum Sterben, bestimmst nicht du das Geschehen: Das Geschehen bestimmt dich; und nicht du lebst, das Leben lebt dich.
Werde in den Augen anderer eine absurde Sphinx. Schließe dich ein in deinen Elfenbeinturm, doch schlage nicht die Tür zu hinter dir. Dein Elfenbeinturm bist du selbst.
Und sagt man zu dir, all dies sei falsch und absurd, glaube es nicht. Doch glaube auch nicht an das, was ich dir sage, denn man soll an nichts glauben.
Verachte alles, doch so, daß Verachten dir nicht zum Nachteil gereicht. Halte dich nicht für überlegen, weil du verachtest. Darin liegt die Kunst der erhabenen Verachtung.