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Wie viele Dinge, die wir für wahr oder richtig halten, sind nicht mehr als die Spuren unserer Träume, unser schlafwandelndes Unverständnis! Weiß etwa jemand, was wahr oder richtig ist? Wie viele Dinge, die wir für schön halten, sind rein zeitbedingt, eine Erfindung des Ortes und der Stunde? Wie viele Dinge, die wir unser wähnen, sind nur das, wovon wir reine Spiegel oder durchsichtige Hüllen sind – ihrer Natur nach uns fremd!
Je länger ich über unsere Fähigkeit zum Irrtum nachdenke, desto deutlicher spüre ich den feinen Sand zerschlagener Gewißheiten durch meine müden Finger rinnen. Und wenn mir dieses Denken zum Gefühl wird und sich mein Geist bewölkt, erscheint mir die ganze Welt als ein Nebel aus Schatten, ein Zwielicht der Ecken und Kanten, eine Fiktion des Zwischenspiels[36] , eine Morgendämmerung, die auf sich warten läßt. Alles verwandelt sich mir in etwas Absolutes, an sich selbst Gestorbenes, in einen Stillstand von Einzelheiten. Und selbst meine Sinne, auf die ich mein Denken übertrage, um es zu vergessen, sind eine Art Schlaf, etwas Fernes, Beiläufiges, etwas dazwischen, Zufälle der Schatten und der Verwirrung.
In solchen Augenblicken, in denen ich Asketen und Weltflüchtige verstehen könnte, könnte ich denn verstehen, warum jemand all seine Kräfte für etwas Absolutes mobilisiert oder auf irgendeinen Glauben verwendet, der eine Kraft zu wecken vermag, würde ich, wenn ich es könnte, eine ganze Ästhetik der Untröstlichkeit erschaffen, den inneren Rhythmus eines Wiegenliedes, gefiltert von der Zärtlichkeit der Nacht an anderen, fernen Heimstätten.
Heute traf ich nacheinander auf der Straße zwei meiner Freunde, die sich zerstritten hatten. Jeder erzählte mir, wie es zu dem Streit gekommen war. Jeder sagte mir die Wahrheit. Jeder legte mir seine Gründe dar. Beide waren im Recht. Beide waren vollkommen im Recht. Keiner sah etwas, das der andere nicht gesehen hätte, keiner sah die Sache von nur einer Seite. Nein, jeder sah den Sachverhalt so, wie er war, jeder sah ihn unter dem gleichen Gesichtspunkt wie der andere, doch sah ihn jeder anders, und somit hatte jeder recht.
Diese doppelte Existenz der Wahrheit verwirrte mich.