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Wann immer ich reise, reise ich intensiv. Eine Zugfahrt nach Cascais ermüdet mich, als hätte ich in dieser kurzen Zeit Landschaften und Städte von vier, fünf Ländern durchquert.
In jedem Haus, an dem ich vorüberfahre, in jeder Villa, in jedem einsamen, mit Stille und Weiß gekalktem Landhaus fühle ich mich für Augenblicke leben, zunächst glücklich, dann gelangweilt und zu guter Letzt müde; doch kaum habe ich eines dieser Häuser verlassen, verspüre ich bereits eine heftige Sehnsucht nach der Zeit, in der ich dort lebte. Und so wird jede meiner Reisen zu einer schmerzlich-glücklichen Ernte großer Freuden, beachtlichen Überdrusses und zahlloser erdachter Sehnsüchte.
Und während ich an diesen Villen, Landhäusern und Häusern vorüberfahre, durchlebe ich die Existenzen all ihrer Bewohner. Durchlebe all diese häuslichen Leben zur gleichen Zeit. Ich bin Vater, Mutter, Kinder, Vettern, Dienstmädchen und der Vetter des Dienstmädchens, und all dies zugleich dank meines besonderen Vermögens, gleichzeitig verschiedene und unterschiedliche Dinge wahrzunehmen, gleichzeitig äußerlich beim Sehen und innerlich beim Fühlen das Leben verschiedener Geschöpfe mitzuerleben.
Ich erschuf in mir verschiedene Persönlichkeiten. Ich erschaffe immerzu Persönlichkeiten. Jeder meiner Träume verkörpert sich, sobald ich ihn träume, in einer anderen Person, die ihn dann weiterträumt statt meiner.
Um erschaffen zu können, habe ich mich zerstört; ich habe mich so sehr in mir selbst veräußerlicht, daß ich nur mehr äußerlich in mir existiere. Ich bin die leere Bühne, auf der verschiedene Schauspieler verschiedene Stücke spielen.