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13. 4. 1930


Jene mangelnde Übereinstimmung mit anderen, die ich immer wieder so stark empfinde, erklärt sich wohl damit, daß die meisten mit ihrem Gefühl denken, während ich mit meinem Denken fühle.

Für den Normalmenschen heißt fühlen leben, und denken heißt, zu leben verstehen. Für mich heißt denken leben, und das Fühlen ist nur die Nahrung für mein Denken.

Erstaunlich ist, daß meine überaus geringe Begeisterungsfähigkeit eher Menschen mit einem mir gänzlich entgegengesetzten Temperament zu erregen vermögen als solche, die mir geistesverwandt sind. In der Literatur bewundere ich vor allem die Klassiker, und ihnen bin ich am wenigsten ähnlich. Wenn ich zwischen Chateaubriand und Vieira als einziger Lektüre wählen müßte, entschiede ich mich ohne Zögern für Vieira.

Je verschiedener jemand mir ist, desto wirklicher erscheint er mir, da er weniger von meiner Subjektivität abhängt. Und aus ebendiesem Grund gilt mein aufmerksames, beständiges Studium dieser gemeinen Menschheit, die ich ablehne und von der ich mich distanziere. Ich liebe sie, da ich sie hasse. Ich betrachte sie gern, da ich sie überaus ungern fühle. Die als Gemälde so wunderbare Landschaft erweist sich nur selten als bequemes Bett.


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