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18. 5. 1930


Ich habe ungekannte Stunden verbracht, eine Abfolge loser Augenblicke, während meines nächtlichen Spaziergangs am einsamen Meer. Alle Gedanken, die Menschen je leben ließen, alle Emotionen, die Menschen je aufhörten zu leben, gingen mir bei meiner Meditation am Meer wie ein dunkles Resümee der Geschichte durch den Sinn.

Ich durchlebte in mir, mit mir das Streben aller Epochen, und die Unruhe aller Zeiten begleitete mich entlang des Meeres, das ich hörte. Was Menschen wollten und nicht taten, was sie zerstörten, indem sie es taten, was ihre Seelen waren und was keiner je sagte – all dies erfüllte die fühlende Seele, mit der ich nachts am Meer entlangging. Was Liebende an Geliebten befremdete, was die Frau ihrem Ehemann stets verheimlichte, wie die Mutter sich das Kind vorstellte, das sie nie hatte, was sich nur in einem Lächeln äußerte oder bei einer Gelegenheit, zu einer anderen Zeit oder in einem fehlenden Gefühl – all das begleitete mich auf meinem Spaziergang am Meer und kehrte zurück mit mir, und die Wellen brandeten jene große Begleitmusik, die mich alles schlafend erleben ließ.

Wir sind, wer wir nicht sind, und das Leben ist kurz und trist. Das Geräusch der nächtlichen Wellen ist ein Geräusch der Nacht; wie viele haben es in ihrer eigenen Seele wahrgenommen, wie eine sich beständig im Dunkel mit dem dumpfen Geräusch hohlen Schaums zerschlagende Hoffnung! Wie viele Tränen haben all jene geweint, die etwas erreichten, wie viele Tränen haben all jene verloren, die etwas vollbrachten! Und all dies vertrauten mir während meines Spaziergangs am Meer Nacht und Abgrund als Geheimnis an. Wie viele sind wir! Und wie viele täuschen sich selbst! Welche Meere hallen in uns wider in der Nacht unseres Seins an den Stränden, als die wir uns empfinden, überschwemmt von der Emotion! Was man verlor und was man hätte wollen sollen, was man irrtümlich erfüllte und erreichte, was wir liebten und verloren und, als wir es verloren hatten, liebten, weil wir es verloren hatten, und erkannten, daß wir es nie geliebt hatten; was wir glaubten zu denken, als wir fühlten; alle Erinnerungen, die wir für Emotionen hielten; und das Meer, das lärmend und frisch aus der großen Tiefe der Nacht heranrollt und fein ausläuft auf dem Strand während meines nächtlichen Spaziergangs am Meer …

Wer weiß wenigstens, was er denkt oder was er wünscht? Wer weiß, was er für sich selbst bedeutet? Wie vieles suggeriert uns die Musik, und es ist uns recht, daß es nicht sein kann! Wie vieles ruft uns die Nacht in Erinnerung, und wir weinen, und doch ist es nie gewesen! Wie eine sich aus diesem weiten, horizontalen Frieden erhebende Stimme rollt eine Welle heran, bricht krachend, beruhigt sich, und ihr Geifer versickert zischend auf dem unsichtbaren Strand.

Wie sehr sterbe ich, wenn ich um aller Dinge willen fühle! Wie sehr fühle ich, wenn ich so umhergehe, unkörperlich und menschlich, und mein Herz still ist wie ein Strand, und das gesamte Meer aller Dinge, in dieser Nacht, in der wir leben, laut und spöttisch brandet, ehe es sich beruhigt, auf meinem ewig nächtlichen Spaziergang am Meer!


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