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Wer die vorausgehenden Seiten dieses Buches gelesen hat, wird ohne Zweifel zu der Ansicht gelangt sein, ich sei ein Träumer. Und doch irrt er mit dieser Ansicht. Zum Träumer fehlt mir das Geld.

Große Melancholie, Traurigkeit und Überdruß können nur in einer komfortablen und luxuriösen Atmosphäre existieren. Deshalb gibt sich der Egaeus[72] E. A. Poes, der stundenlang in krankhafte Betrachtungen versinkt, seiner Neigung in einer Ahnenburg hin, wo jenseits der Türen des großen Saals, in dem das Leben am Werk ist, unsichtbare Hofmeister sich um Haus und Mahlzeiten kümmern.

Der große Traum setzt gewisse gesellschaftliche Gegebenheiten voraus. Als ich mich eines Tages, trunken von der rhythmischen, schmerzlichen Bewegung meiner Aufzeichnungen, an Chateaubriand erinnerte, wurde mir rasch bewußt, daß ich weder Vicomte noch Bretone war. Als ich ein andermal, in dem bereits erwähnten Sinne, eine Ähnlichkeit mit Rousseau zu verspüren meinte, führte ich mir ebenso rasch vor Augen, daß, wenn es mir denn nicht vergönnt war, Adeliger und Schloßherr zu sein, ich ebensowenig Schweizer und Vagabund sein konnte.

Doch zum Glück gibt es auch in der Rua dos Douradores eine Welt. Auch hier sorgt Gott dafür, daß das Rätsel des Lebens nicht ausbleibt. Und selbst wenn meine Träume so ärmlich sind wie die Landschaft aus Karren und Kisten, deren Rädern und Brettern ich sie zu entnehmen vermag, so sind sie doch alles, was ich habe und haben kann.

Irgendwo sind die Sonnenuntergänge ohne Zweifel dauerhafte Wirklichkeit. Doch auch in diesem vierten Stock über der Stadt kann man an das Unendliche denken. Ein Unendliches mit Warenlagern im Erdgeschoß, gewiß, aber auch mit Sternen darüber … Das fällt mir ein an diesem Tagesende an meinem Fenster, oben, in der Unzufriedenheit des Bürgers, der ich nicht bin, und in der Traurigkeit des Dichters, der ich nie werde sein können.


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