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Ferienprosa
Der kleine Strand, der eine noch kleinere, durch zwei Miniaturvorgebirge von der Welt abgeschnittene Bucht bildet, war an diesen drei Ferientagen mein Zufluchtsort vor mir selbst. Man stieg zu ihm über eine primitive Treppe hinab, Stufen, die oben aus Holz begannen, auf halber Höhe in den Fels geschlagen und mit einem Geländer aus rostigem Eisen versehen waren. Immer wenn ich die alte Treppe hinabstieg, insbesondere auf den Felsstufen unter meinen Füßen, verließ ich meine eigene Existenz und fand mich.
Die Okkultisten, oder zumindest einige, sagen, daß es höchste Augenblicke der Seele gibt, in denen sie sich – mit Hilfe der Emotion oder einem Teil des Gedächtnisses – an einen Augenblick, ein Merkmal oder einen Schatten einer früheren Inkarnation erinnert. Und da sie dann zurückkehrt in eine Zeit, die dem Ursprung und Anfang aller Dinge näher ist als das Jetzt, empfindet sie sich in gewisser Weise kindhaft und befreit.
Jedes Mal, wenn ich diese heute wenig benutzte Treppe hinabstieg und langsam den kleinen, stets einsamen Strand betrat, hätte man meinen können, ich bediente mich eines magischen Rituals, um der Monade näher zu sein, die ich vielleicht bin. Bestimmte Formen und Merkmale meines Alltagslebens, die sich in meinem steten Wesen als Verlangen, Widerwille, Unruhe äußern, flohen mich wie Meuchler das Gesetz, verblaßten im Dunkel bis zur Unkenntlichkeit, und ich erreichte ein Stadium innerer Distanz, in dem es mir schwer wurde, mich an das Gestern zu erinnern oder gar das Wesen, das alle Tage in mir lebt, als das meine zu erkennen. Meine steten Gemütsbewegungen, meine stets unsteten Gewohnheiten, meine Gespräche mit anderen, meine Anpassung an das gesellschaftliche Gefüge der Welt – all dies erschien mir wie etwas irgendwo Gelesenes, leblose Seiten einer gedruckten Biographie, Einzelheiten eines Romans, in einem dieser mittleren Kapitel, die wir lesen, während wir an etwas anderes denken und der Handlungsfaden erschlafft, bis er sich auf dem Boden windet.
Am Strand dann, still bis auf die Wellen und den Wind, der hoch oben vorüberzog wie ein nicht vorhandenes Flugzeug, gab ich mich Träumen neuer Art hin – Nebelhaftes, Zartes, Wundersames, einen tiefen Eindruck hinterlassend, ohne Bilder, ohne Emotionen, rein wie Himmel und Wasser, widerhallend wie sich ausbreitende Strudel im Meer, das sich aufbäumt vom Grund einer großen Wahrheit; eine blau flimmernde, schräge Fläche in der Ferne, zu ihren Rändern hin in Grün übergehend, in dem andere schmutziggrüne Töne durchscheinen und die anbrandet, zischt, im bräunlichen Sand in tausend Arme ausläuft, in von Geifer gereinigtem Schaum, in sich alle Brandungen vereinend, alle Rückkehr zur ursprünglichen Freiheit, alle Sehnsucht nach Göttlichem, alle Erinnerung, wie jene eine – unbestimmt und schmerzlos oder glücklich, weil sie gut war oder anders – an einen früheren Zustand, ein Sehnsuchtsleib mit einer Seele aus Schaum, Ruhe, Tod, dieses Alles oder dieses Nichts, das jene Insel der Schiffbrüchigen umgibt, die das Leben ist.
Und ich schlief, ohne schläfrig zu sein, fern schon von dem, was ich mit all meinen Sinnen sah, Dämmerung meines Ichs, Wasserrauschen unter Bäumen, Stille der großen Flüsse, Kühle trauriger Abende, schwerer Atem einer weißen Brust und in ihr Kindheitsschlaf und Kontemplation.