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Hast du, o Andere, je bedacht, wie unsichtbar wir füreinander sind? Hast du je darüber nachgedacht, wie wenig wir einander kennen? Wir sehen uns und sehen uns doch nicht. Wir hören einander, und ein jeder vernimmt nur eine Stimme in seinem Innern.
Die Worte anderer sind Mißverständnisse unseres Hörens, Schiffbrüche unseres Verstehens. Wie sehr vertrauen wir doch unserem Verständnis der Worte anderer. Nach Tod schmeckt uns die Lust, die andere in Worte legen. Lust und Leben lesen wir in dem, was anderen, ohne Absicht auf einen tieferen Sinn, über die Lippen kommt.
Die Stimme der Bäche, die du deutest, du reine Erklärende, die Stimme der Bäume, deren Rauschen wir einen Sinn beimessen – ach, meine unbekannte Liebe, wie sehr ist all dies wir-selbst, Phantasie und Asche, die durch die Gitter unserer Zelle verweht!