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18. 10. 1931
Ich ziehe die Prosa als Kunstart dem Vers vor, und das aus zwei Gründen. Der erste ist rein persönlicher Art, ich habe keine andere Wahl, denn ich kann nicht in Versen schreiben. Der zweite hingegen ist allgemeiner Art und, wie ich meine, kein Schatten und keine Tarnung des ersten. Es lohnt daher, ihn näher auszuführen, denn er berührt den inneren Sinn allen Kunstwertes.
Ich betrachte die Poesie als ein Zwischending, einen Übergang von der Musik zur Prosa. Wie die Musik ist die Poesie durch rhythmische Gesetze eingeschränkt, die, selbst wenn es nicht die starren Gesetze der Metrik sind, doch als Richtlinien, Zwänge und automatische Vorrichtungen zur Einengung und Züchtigung wirken. In der Prosa reden wir frei. Wir können musikalische Rhythmen einbeziehen und dennoch denken. Wir können poetische Rhythmen einbeziehen und dennoch außerhalb bleiben. Ein gelegentlicher Versrhythmus stört die Prosa nicht; ein gelegentlicher Prosarhythmus hingegen macht den Vers holprig.
Die Prosa umfaßt die gesamte Kunst – einesteils, weil im Wort die ganze Welt enthalten ist, andernteils, weil das freie Wort alle Möglichkeiten enthält, die Welt zu beschreiben und zu denken. In der Prosa geben wir alles transponiert wieder: Farbe und Form, die Malerei nur direkt, in ihnen selbst und ohne innere Dimension wiedergeben kann; Rhythmus, den Musik nur direkt vermitteln kann, in ihm selbst, ohne Formgestalt noch jene zweite Gestalt der Idee; Struktur, die der Architekt aus vorgegebenen, haften, äußeren Dingen schaffen muß, können wir in Rhythmen, Verzögerungen, Abfolgen und flüssigem Stil herstellen; die Wirklichkeit, die der Bildhauer in der Welt zurücklassen muß, ohne Aura noch Transsubstantiation; und schließlich die Poesie, in welcher der Dichter, wie der Initiierte eines okkulten Ordens, sich (wenn auch freiwillig) einem Rang und einem Ritual beugt.
Ich bin überzeugt, daß in einer ideal zivilisierten Welt Prosa die einzige Kunst sein wird. Wir ließen die Sonnenuntergänge Sonnenuntergänge sein und würden die Kunst nur darauf verwenden, sie verbal zu verstehen und in eine verständliche Farbenmusik zu transponieren. Wir ließen die Körper Körper sein und keine Skulpturen, sie behielten ihre lebendige Kontur und ihre sanfte Wärme, die wir sehen und berühren. Wir erbauten Häuser, nur um in ihnen zu wohnen, was letztlich ihre Bestimmung ist. Die Poesie bliebe, damit die Kinder der künftigen Prosa näherkämen, denn die Poesie ist gewiß etwas Kindliches, Mnemonisches, ein Behelf und ein Beginn.
Selbst die kleineren Künste oder jene, die wir so nennen, finden ihren Widerhall in der Prosa. Es gibt eine Prosa, die tanzt, singt und sich selbst deklamiert. Es gibt Wortrhythmen, die tanzen, in denen sich der Gedanke schlängelnd entblößt – in durchscheinender, vollkommener Sinnlichkeit. Und desgleichen theatralische Subtilitäten, in denen ein großer Schauspieler das WORT, rhythmisch das unfaßbare Mysterium des Universums, in seine eigene körperliche Substanz verwandelt.