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Es gibt eine Gelehrsamkeit erworbenen Wissens, die man im eigentlichen Sinne als Gelehrsamkeit bezeichnet, und eine Gelehrsamkeit des Verstehens, die man Kultur nennt. Es gibt aber auch eine Gelehrsamkeit der Sensibilität.
Die Gelehrsamkeit der Sensibilität hat nichts zu tun mit Lebenserfahrung. Die Lebenserfahrung lehrt uns so wenig, wie die Geschichte uns etwas lehrt. Wahre Erfahrung beruht auf einem verminderten Kontakt mit der Wirklichkeit und einer verstärkten Analyse dieses Kontaktes. So vertieft und erweitert sich unsere Sensibilität, denn alles ist in uns; wir müssen es nur suchen und zu suchen wissen.
Was ist reisen, und wozu dient es? Jeder Sonnenuntergang ist ein Sonnenuntergang, um ihn zu sehen, muß man nicht nach Konstantinopel. Und das Gefühl der Befreiung, das vom Reisen ausgeht? Das kann ich ebenso haben, wenn ich von Lissabon nach Benfica, in die Vorstadt, fahre, und zwar sehr viel intensiver als einer, der von Lissabon nach China reist, denn ist die Befreiung nicht in mir, erlange ich sie nirgendwo. »Jede Straße«, sagte Carlyle[25] , »sogar die Straße von Entepfuhl führt dich ans Ende der Welt.« Aber folgt man der Straße von Entepfuhl ganz bis zum Ende, kommt man nach Entepfuhl zurück; derart, daß Entepfuhl, wo wir bereits waren, eben jenes Ende der Welt ist, das wir auszogen zu suchen.
Condillac[26] beginnt sein berühmtes Buch mit dem Satz: »Wir mögen noch so hoch hinauf- und noch so tief hinabsteigen, über unsere Empfindungen kommen wir dabei nie hinaus.« Wir können nie aus uns selbst aussteigen. Es gelingt uns nie, ein anderer zu werden, es sei denn, wir andern[27] uns durch unsere eigene Empfindung und Vorstellungskraft. Die wahren Landschaften sind jene, die wir uns erschaffen, denn als ihre Schöpfer sehen wir sie so, wie sie wirklich sind, das heißt, wie sie erschaffen wurden. Nicht einer der sieben Teile der Welt[28] interessiert mich so, daß ich ihn wirklich sehen könnte; ich bereise den achten, und er ist mein.
Selbst wer alle Meere durchkreuzt hat, hat nur die eigene Eintönigkeit durchkreuzt. Ich habe schon mehr als alle Meere durchkreuzt. Ich habe schon mehr Berge gesehen als, die auf Erden. Ich habe schon mehr Städte bereist als die bestehenden, und die großen Flüsse unwirklicher Welten strömten ungehindert unter meinen sinnenden Blicken dahin. Ginge ich auf Reisen, fände ich nur das blasse Abbild dessen, was ich schon ohne Reisen sah.
Andere sind in den Ländern, die sie besuchen, Namenlose und Fremde. Ich war in den Ländern, die ich besuchte, nicht nur das geheime Vergnügen eines unbekannten Reisenden, sondern auch die königliche Majestät ihres regierenden Herrschers, das Volk, seine Sitten und Gebräuche und die gesamte Geschichte aller Nationen. Landschaften, Häuser, ich habe alles gesehen, weil ich alles war, in Gott erschaffen aus dem Stoff meiner Phantasie.