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Dies ist ein Tag, an dem die Eintönigkeit aller Dinge mich bedrückt, als käme ich in den Kerker. Diese Eintönigkeit ist jedoch nichts anderes als die meine. Jedes Gesicht, auch wenn wir es gestern gesehen haben, ist heute ein anderes, denn heute ist nicht gestern. Jeder Tag ist der Tag, der er ist, und nie hat es auf der Welt einen ebensolchen gegeben. Identität ist auf unsere Seele beschränkt – die empfundene, wenn auch trügerische Identität mit sich selbst –, durch die alles sich ähnlich wird und vereinfacht. Die Welt besteht aus verschiedenen Dingen und unterschiedlichen Kanten; sind wir aber kurzsichtig, wirkt sie wie ein undurchschaubarer, beständiger Nebel.

Ich würde am liebsten flüchten. Flüchten vor dem, was ich kenne, flüchten vor dem, was mein ist, flüchten vor dem, was ich liebe. Ich möchte auf und davon – und dabei denke ich nicht an unmögliche Indien oder die großen Inseln im Süden aller Dinge, sondern an irgendeinen Ort – Dorf oder Einöde –, der anders ist als dieser hier. Ich mag diese Gesichter, diese Gewohnheiten und diese Tage nicht länger sehen. Ich möchte als Fremder ausruhen von dem mir in Fleisch und Blut übergegangenen Vortäuschen. Ich möchte fühlen, wie der Schlaf als Leben zu mir kommt, nicht als Erholung. Eine Hütte am Meer, ja selbst eine Höhle an einem zerklüfteten Gebirgshang könnte mir dies geben. Doch vermag dies leider mein Wille nicht.

Sklaverei ist das Gesetz des Lebens, und es gibt kein anderes Gesetz, denn dieses hier muß befolgt werden, es ist unumgänglich, und kein Aufbegehren ist möglich. Manche kommen als Sklaven auf die Welt, andere werden zu Sklaven, und wieder anderen ist die Sklaverei gegeben. Die feige Liebe, die wir alle zur Freiheit hegen – über die wir, besäßen wir sie, nur staunten und sie alsbald von uns wiesen –, zeigt deutlich, wie sehr uns die Sklaverei bestimmt. Ich selbst, der ich soeben sagte, ich wünschte mir eine Hütte oder Höhle, in der ich frei sein könnte von der Eintönigkeit aller Dinge, die meine eigene ist, würde ich es wohl wagen, zu dieser Hütte oder Höhle aufzubrechen, wenn meine Erfahrung mir sagte, daß mich die Eintönigkeit, die doch die meine ist, mich allzeit begleitet? Wo aber könnte ich, der ich ersticke, wo ich bin und weil ich bin, freier atmen, wenn die Krankheit von meinen Lungen herrührt und nicht von den mich umgebenden Dingen? Ich selbst, der ich mich laut nach der reinen Sonne und dem freien Feld sehne, nach dem sichtbaren Meer und dem unverstellten Horizont, wer sagt mir denn, daß ich nicht ein anderes Bett befremdlich fände, ein anderes Essen oder die Tatsache, nicht mehr die vier Stockwerke bis nach unten zu gehen, nicht in den Tabakladen an der Ecke zu treten und keinen Gruß mit dem müßig herumstehenden Friseur zu tauschen?

Alles, was uns umgibt, wird ein Teil unserer selbst, dringt ein in unser körperliches Empfinden und unser Lebensgefühl und bindet uns fein, wie der Speichel der großen Spinne, an das Naheliegende, fesselt uns an das leichte Lager eines langsamen Todes, das der Wind wiegt. Alles ist wir, und wir sind alles, doch wozu, wenn alles nichts ist? Ein Sonnenstrahl, eine Wolke, deren plötzlicher Schatten besagt, daß sie vorüberzieht, eine aufkommende Brise, die Stille, die auf ihr Verwehen folgt, dies oder jenes Gesicht, Stimmen hier und da, ihr gelegentliches Gelächter, und dann die Nacht, und sinnlos aufgehend die zerbrochenen Hieroglyphen der Sterne.


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