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4. 11. 1931
Wer immer einen Katalog von Ungeheuern erstellen wollte, müßte nur in Worten jene Dinge photographieren, die die Nacht schläfrig schlaflosen Seelen zuträgt. Diese Dinge sind zusammenhanglos wie Träume ohne das Alibi, man habe geschlafen. Sie schweben wie Fledermäuse über der Passivität der Seele oder wie Vampire, die das Blut der Unterwürfigkeit saugen.
Es sind Larven im Müll an den Abhängen, Schatten, die das Tal bevölkern, Spuren, zurückgelassen vom Schicksal. Manchmal sind es Würmer, ekelerregend selbst für die Seele, die sie hegt und aufzieht; ein andermal sind es Gespenster und umkreisen düster ein Nichts; dann wieder schnellen sie wie Schlangen aus den absurden Schlupfwinkeln verlorener Gefühle.
Ballast des Trugs, besteht ihr Nutzen einzig darin, uns unnütz zu machen. Es sind in die Seele gestreute Zweifel des Abgrunds, schläfrig kalte Falten im Gefolge. Sie vergehen wie Rauch und verwehen wie Spuren und waren nie mehr als der sterile Stoff unseres Bewußtseins von ihnen. Bisweilen sind sie wie ein inneres Feuerwerk: Es steigt eine Zeitlang glitzernd auf zwischen Träumen, und alles übrige ist, was unser unbewußtes Bewußtsein von ihnen wahrgenommen hat.
Ein gelöstes Band, existiert die Seele nicht in sich selbst. Die großen Landschaften gehören dem Morgen an, und wir haben bereits gelebt. Das Gespräch wurde unterbrochen und ist gescheitert. Wer hätte geahnt, daß dies das Leben sein sollte?
Ich verliere mich, wenn ich mich finde, ich zweifle, wenn ich glaube, ich habe nicht, was ich erlangt habe. Ich schlafe, als ginge ich spazieren, und doch bin ich wach. Ich erwache, als hätte ich geschlafen, und ich gehöre mir nicht. Das Leben ist letztlich eine lange Schlaflosigkeit, und alles, was wir denken oder tun, geschieht in einem Zustand luzider Benommenheit. Ich wäre glücklich, wenn ich schlafen könnte. Das denke ich in diesem Augenblick, weil ich nicht schlafen kann. Die Nacht ist eine bleierne Last, die mich darüber hinaus unter der stummen Decke meiner Träume erstickt. Mir ist unwohl in der Seele.
Ist mir wieder wohl, wird es wie immer Tag werden, und wie immer zu spät. Alles schläft und ist glücklich, nur ich nicht. Ich ruhe ein wenig, wage nicht einmal den Versuch zu schlafen. Und die großen Köpfe wesenloser Ungeheuer steigen vom Grund meines Wesens auf. Fernöstliche Drachen des Abgrunds, mit roten Zungen, bar jeder Logik, mit Augen, die leblos auf mein totes Leben starren, das sie nicht anstarrt.
Eine Grabplatte, in Gottes Namen, eine Grabplatte! Legt mir Unbewußtheit und Leben unter Verschluß! Zum Glück zieht durch die offenen Läden des kalten Fensters ein trauriger Streif blassen Lichts allmählich den Schatten vom Horizont. Zum Glück ist es der Tag, der jetzt anbricht. Ich ruhe beinahe in der Unruhe, die mich so ermüdet. Ein Hahn kräht mitten in der Stadt, absurd. Der fahle Tag beginnt in meinem vagen Schlaf. Irgendwann einmal werde ich einschlafen. Rädergeräusch läßt ein Fuhrwerk erahnen. Meine Lider schlafen, ich nicht. Alles ist letztlich Schicksal.