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Zuweilen denke ich mit traurigem Vergnügen, daß, wenn einst in einer Zukunft, der ich nicht mehr angehöre, meine Sätze Lob finden und fortdauern, ich endlich die Leute habe, die mich »verstehen«, die Meinen, die wahre Familie, um in ihr geboren und geliebt zu werden. Doch bis dahin ist es noch weit, und ich werde längst gestorben sein. Ich werde nur in effigie, als Abbild verstanden werden, wenn die Zuneigung die Ablehnung nicht mehr ausgleichen kann, die des Verstorbenen Los im Leben war.

Eines Tages vielleicht wird man verstehen, daß ich wie kein anderer meine naturgegebene Pflicht als Dolmetscher für einen Teil unseres Jahrhunderts erfüllt habe; und hat man das verstanden, wird man schreiben, daß ich zu meiner Zeit ein Unverstandener war, daß ich unseligerweise inmitten von Ablehnung und Kälte lebte und dies ein Jammer ist. Und wer immer irgendwann darüber schreibt, wird einem, der in dieser künftigen Zeit ist, wie ich es war, ebenso verständnislos gegenüberstehen wie meine jetzige Umgebung mir. Denn die Menschen lernen nur, was für ihre bereits verstorbenen Vorfahren von Nutzen gewesen wäre. Nur den Toten vermögen wir die wahren Lebensregeln zu vermitteln.


Es ist Nachmittag, und während ich dies schreibe, hat es aufgehört zu regnen. Etwas wie Heiterkeit liegt in der Luft, zu frisch für die Haut. Der Tag geht seinem Ende zu, nicht in Grau, sondern in Blaßblau. Und selbst auf dem Straßenpflaster spiegelt sich vage Blau. Zu leben schmerzt, aber nur von weitem. Aufs Fühlen kommt es nicht an. Die ein oder andere Auslage wird erleuchtet. Oben, von einem Fenster aus, beobachten Leute, wie man unten die Arbeit einstellt. Der Bettler, der mich streift, wäre erstaunt, würde er mich kennen.

Im weniger blassen und weniger blauen Himmel, der sich auf den Fassaden spiegelt, wird die unbestimmte Stunde ein wenig mehr Abend.

Geh leicht deinem sicheren Ende zu, Tag, an dem sich all jene, die glauben und irren, in ihre übliche Arbeit fügen und in ihrem Schmerz das Glück der Unbewußtheit verspüren. Geh leicht deinem Ende zu, Welle verlöschenden Lichts, Melancholie dieses nutzlosen Nachmittags, Nebel ohne Schleier, der in mein Herz zieht. Geh leicht deinem Ende zu und sacht, unbestimmte, lichtblaue Blässe dieses aquatischen Nachmittags – senke dich leicht, sacht und traurig auf die schlichte kalte Erde. Geh leicht deinem Ende zu, unsichtbar grau, trist, monoton, ein Zuviel und keine Starre!


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