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2. 5. 1932


Ich schlafe nie: Ich lebe und träume, oder genauer, ich träume im Leben und im Schlaf, der gleichfalls Leben ist. In meinem Bewußtsein gibt es keine Unterbrechung: Ich nehme wahr, was mich umgibt, solange ich noch nicht schlafe oder solange ich nicht gut schlafe, und beginne zu träumen, sobald ich wirklich schlafe. So bin ich ein beständiges Sich-Entfalten zusammenhängender oder unzusammenhängender Bilder, die stets vorspiegeln, sie gehörten zur Außenwelt; einige schieben sich zwischen die Menschen und das Licht, wenn ich wach bin, andere zwischen Trugbilder und die sichtbare Lichtlosigkeit, wenn ich schlafe. Ich weiß wirklich nicht, wie ich das eine vom anderen unterscheiden soll, noch könnte ich sagen, ob ich nicht schlafe, wenn ich wach bin, ob ich nicht aufwache, wenn ich einschlafe.

Das Leben ist ein Knäuel, das jemand verwirrt hat. Ist es jedoch ordentlich aufgerollt oder der Länge nach ausgerollt, hat es einen Sinn. So aber wie es ist, ist es ein Problem ohne Anfang und Ende, ein heilloses Durcheinander.

Während ich fühle, was ich später aufschreiben werde – ich träume bereits die Formulierung meiner Sätze –, nehme ich durch das Dunkel meines Halbschlafs hindurch die Landschaften meiner vagen Träume wahr und das Geräusch des Regens, das sie noch vager erscheinen läßt. Rätsel der Leere, flimmernd vor Abgründigkeit, und durch sie hindurch, sich unnütz verströmend, das äußere Klagen des Regens, ein unablässig wiederholtes Detail der Landschaft des Gehörs. Hoffnung? Nein. Vom unsichtbaren Himmel fällt hörbar melancholisch Wasser, gepeitscht vom Wind. Ich schlafe weiter.

Zweifellos hat sich die Tragödie, aus der das Leben hervorging, in den Alleen eines Parks zugetragen. Sie waren zu zweit, waren schön und wollten anders sein; die Liebe ließ auf sich warten in der Abscheu vor der Zukunft, und die Sehnsucht nach Kommendem erwies sich als Tochter der Liebe, die sie nicht erfahren hatten. So gingen sie Hand in Hand ohne Wünsche noch Hoffnungen im Mondlicht, gemildert durch die nahen Wälder, durch die Leere verlassener Alleen. Sie waren ganz Kinder, da sie es nicht wirklich waren. Von Allee zu Allee, Silhouetten zwischen Bäumen, bewegten sie sich wie Scherenschnitte durch dieses Niemands-Bühnenbild. Und so entschwanden sie, immer vereinter und immer getrennter, in der Nähe der Brunnen, und das Geräusch des schwachen, jetzt verstummenden Regens wurde zum Rauschen der Fontänen, in deren Richtung sie sich verloren. Ich bin die Liebe, die sie erlebten, und kann sie daher in meinen schlaflosen Nächten hören und auch im Unglück leben.


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