Raskolnikow blickte die Sprecherin neugierig an. Sie war ein pockennarbiges Mädchen von ungefähr dreißig Jahren, ganz voll blauer Flecke, und ihre Oberlippe war geschwol-len. Sie sprach ruhig und ernst.

Wo habe ich das nur gelesen, dachte Raskolnikow, als er weiterging, wo habe ich nur gelesen, wie ein zum Tode Ver-urteilter eine Stunde vor seiner Hinrichtung sagt oder denkt: wenn er irgendwo auf einem hohen Berg leben müßte, auf einem Felsen und auf so engem Raum, daß er nur mit den Füßen darauf stehen könnte, und ringsum gähnten Abgründe, der Ozean, ewiges Dunkel, ewige Einsamkeit und ewiger Sturm, und er müßte so bleiben, auf einem Raum von einem Klafter, das ganze Leben lang, tausend Jahre, eine Ewigkeit – daß es dann trotzdem besser wäre, so zu leben, als jetzt sterben zu müssen! Nur leben, leben, leben! Wenn man nur leben kann – einzig leben! ... Wie wahr das ist! O Gott, wie wahr! Der Mensch ist gemein! ... Und gemein ist auch, wer ihn deswegen gemein nennt, setzte er nach einer Weile hinzu.

Er gelangte in eine andere Straße.

Ach! Der Kristallpalast! Vorhin hat Rasumichin vom Kri-stallpalast gesprochen. Aber was wollte ich nur? Ja, Zeitungen lesen! ... Sosimow sagte, daß er in den Zeitungen davon ge-lesen habe ...

»Haben Sie Zeitungen?« fragte er, als er das sehr geräumige und sogar saubere Lokal betrat, das aus mehreren, übri-gens ziemlich leeren Räumen bestand. Zwei, drei Gäste tranken Tee, und in einem der Hinterzimmer saß eine Gruppe von ungefähr vier Personen. Sie tranken Champagner. Es schien Raskolnikow, als wäre Sametow unter ihnen. Aller-dings konnte er das aus der Ferne nicht richtig erkennen.

Meinetwegen! dachte er.

»Wünschen Sie Wodka?« fragte der Kellner.

»Bring mir Tee. Und dann besorge doch noch Zeitungen, alte, etwa von den letzten fünf Tagen. Du sollst auch ein Trinkgeld bekommen.«

»Zu Befehl. Hier sind die von heute. Wünschen Sie Wodka?«

Die alten Zeitungen und der Tee wurden gebracht. Ras-

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