Dunjetsdikas in Herrn Swidrigailows Händen geblieben war. In diesem Brief machte sie ihm mit stürmischer, heftiger Ent-rüstung Vorwürfe, gerade wegen seines unedlen Betragens gegen Marfa Petrowna; sie hielt ihm vor, daß er Familien-vater sei, und schließlich, wie abscheulich er handle, wenn er ein ohnedies schon unglückliches Mädchen quäle und un-glücklich mache. Mit einem Wort, mein lieber Rodja, dieser Brief war so edel und rührend geschrieben, daß ich schluch-zen mußte, als ich ihn las; und bis heute kann ich ihn nicht ohne Tränen wieder lesen. Außerdem rechtfertigten schließ-lich auch noch die Zeugenaussagen der Dienerschaft Dunja, die weit mehr gesehen hatten und wußten, als Herr Swidri-gailow selber ahnte, wie dies ja immer zu sein pflegt. Marfa Petrowna war völlig niedergeschlagen und ,aufs neue zer-schmettert', wie sie uns selber bekannte, doch dann über-zeugte sie sich vollauf von Dunjetschkas Unschuld, und schon am nächsten Tag, einem Sonntag, fuhr sie geradewegs in die Kirche, wo sie auf den Knien und unter Tränen die Gottes-mutter bat, sie möge ihr die Kraft geben, die neue Prüfung zu ertragen und ihre Pflicht zu tun. Von der Kirche fuhr sie, ohne zu irgend jemandem anders zu gehen, unverzüglich zu uns, erzählte uns alles, weinte bitterlich, umarmte Dunja in tiefer Reue und beschwor sie, ihr zu vergeben. Am gleichen Vormittag noch begab sie sich, ohne im geringsten zu zaudern, gleich von uns aus in alle Häuser der Stadt, und überall rehabilitierte sie in den für Dunjetschka schmeichelhaftesten Ausdrücken und unter vielen Tränen Dunjas Unschuld und die Vornehmheit ihrer Gefühle und ihres Verhaltens. Nicht genug damit, zeigte sie den Brief herum, den Dunja eigen-händig an Herrn Swidrigailow geschrieben hatte, und las ihn vor und erlaubte sogar – was mir schon übertrieben vor-kommt –, daß davon Abschriften gemacht wurden. So mußte sie einige Tage lang alle Leute in der Stadt der Reihe nach aufsuchen; denn manche waren beleidigt, daß andere ihnen vorgezogen worden waren. Deshalb wurde eine regelrechte Reihenfolge festgesetzt. In jedem Hause wartete man nun schon im voraus, und alle wußten, daß an diesem oder jenem Tage Marfa Petrowna da oder dort den Brief vorlesen