»Was waren das für ... Motive?«

»Das ist eine lange Geschichte, Awdotja Romanowna. Es steckt, wie soll ich mich nur ausdrücken, eine eigenartige Theo-rie dahinter; jene Theorie, der im Grunde auch ich anhänge, daß nämlich zum Beispiel eine einzelne Missetat erlaubt sein kann, wenn nur der Zweck gut ist. Ein einziges Verbrechen gegen hundert gute Taten! Und natürlich ist es für einen jungen talentierten Mann, der außerdem an übermäßiger Selbsteinschätzung leidet, kränkend zu wissen, daß sich seine ganze Karriere, seine Zukunft und das Ziel seines Lebens anders gestalten würden, wenn er zum Beispiel nur dreitau-send Rubel besäße, welche dreitausend Rubel aber nicht da sind. Nehmen Sie noch dazu, daß er durch den Hunger gereizt ist, durch seine enge Behausung, durch seine zerlumpte Klei-dung und durch die allzu klare Einsicht, wie rosig seine so-ziale Lage aussieht, von der Situation seiner Schwester und Mutter ganz zu schweigen. Aber am meisten peinigt der Ehrgeiz, der Stolz und der Ehrgeiz, freilich – Gott mag das wissen –, bei guten Neigungen vielleicht ... Ich verurteile ihn ja nicht, glauben Sie bitte nur das nicht, das ist ja auch nicht meine Sache. Außerdem hatte er noch eine höchst per-sönliche kleine Theorie – eine recht hübsche Theorie –, nach der die Menschen in sogenanntes Material und in Menschen im eigentlichen Sinne eingeteilt werden, das heißt in solche Menschen, für die zufolge ihrer hohen Stellung kein Gesetz gilt und die im Gegenteil selbst die Gesetze für die übrigen verfassen, für das Material nämlich, für den Kehricht. Da-gegen läßt sich nichts einwenden, es ist eine wirklich hübsche kleine Theorie ... une théorie comme une autre. Besonders Napoleon hat es ihm angetan; das heißt, eigentlich lockte ihn die Tatsache, daß viele Genies eine vereinzelte böse Tat für nichts achteten und bedenkenlos darüber hinwegschritten. Er scheint sich eingebildet zu haben, daß auch er ein genialer Mensch sei – zumindest war er eine Zeitlang davon über-zeugt. Er litt und leidet auch jetzt noch sehr unter dem Ge-danken, daß er zwar diese Theorie aufstellen konnte, aber nicht das Zeug dazu hatte, bedenkenlos ein Verbrechen zu be-gehen, daß er mithin kein genialer Mensch sei. Nun, und das

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