»Sonderbar! Vielleicht ist es Nastasja?« meinte Rasumichin.

»Um diese Zeit ist sie nie bei mir, bestimmt schläft sie schon lange; aber ... nun, mir gilt alles gleich! Leb wohl!«

»Was willst du? Ich bringe dich doch bis in dein Zimmer; wir gehen zusammen hinein!«

»Ich weiß, daß wir zusammen hineingehen, aber ich möchte dir schon hier die Hand drücken und hier von dir Abschied nehmen. Nun, gib mir die Hand; leb wohl!«

»Was hast du, Rodja?«

»Nichts ... gehen wir ... Du wirst Zeuge sein ...«

Sie stiegen die letzten Stufen hinauf, und Rasumichin dachte flüchtig, daß Sosimow vielleicht doch recht haben könnte. Ach! ich habe ihn mit meinem Geschwätz ganz durcheinan-dergebracht, überlegte er. Plötzlich hörten sie, als sie näher zu der Tür kamen, Stimmen in der Stube.

»Ja, was ist denn nur los?« rief Rasumichin.

Raskolnikow griff als erster nach der Klinke und riß die Tür weit auf; er riß sie auf und blieb wie angewurzelt auf der Schwelle stehen.

Seine Mutter und seine Schwester saßen auf dem Diwan; sie warteten schon seit anderthalb Stunden. Warum hatte er nur gerade sie am allerwenigsten erwartet, gerade an sie am wenig-sten gedacht, trotz der heute nochmals wiederholten Nach-richt, daß sie abzureisen gedächten, unterwegs seien, gleich ankommen würden? Während dieser ganzen anderthalb Stunden hatten sie, wobei sie einander immer wieder ins Wort fielen, Nastasja ins Kreuzverhör genommen, die auch jetzt noch vor ihnen stand und ihnen schon alles bis zur klein-sten Kleinigkeit erzählt hatte. Sie wußten vor Schreck nicht aus noch ein, als sie hörten, daß er »heute davongelaufen« sei, krank und, wie aus dem Bericht hervorging, ganz gewiß im Delirium! »O Gott, was ist nur mit ihm!« Beide weinten, beide hatten in diesen anderthalb Stunden des Wartens wahre Folterqualen erduldet.

Ein freudiger Entzückensschrei begrüßte das Erscheinen Raskolnikows. Die beiden Frauen stürzten auf ihn zu. Aber er stand wie leblos da; eine plötzliche, unerträgliche Empfin-dung hatte ihn getroffen wie ein Blitz. Und seine Hände

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