Katerina Iwanowna würdigte ihn keiner Antwort. Sie seufzte gedankenvoll.

»Sie glauben gewiß, wie alle, ich sei zu streng mit ihm gewesen«, fuhr sie, zu Raskolnikow gewandt, fort. »Aber das stimmt nicht. Er achtete mich, er achtete mich aufrichtig! Er war ein Mensch mit einer guten Seele! Und wie leid er mir manchmal getan hat! Oft saß er in seiner Ecke und sah mich an; da bekam ich solches Mitleid mit ihm, und es drängte mich geradezu, freundlich zu ihm zu sein, aber dann dachte ich: Wenn du jetzt freundlich zu ihm bist, wird er sich sicher wie-der betrinken! Nur mit Strenge konnte man ihn ein bißchen zurückhalten.«

»Jawohl, meine Dame. Er wurde auch an den Haaren ge-zogen, mehr als einmal sogar, meine Dame«, grölte der Proviantbeamte wiederum und schenkte sich noch ein Glas Schnaps ein.

»Solche Dummköpfe sollte man nicht nur an den Haaren ziehen, sondern es wäre auch ganz angebracht, sie mit dem Besenstiel zu bearbeiten. Jetzt meine ich aber nicht den Ver-storbenen!« fiel Katerina Iwanowna dem Proviantbeamten ins Wort.

Die roten Flecke auf ihren Wangen wurden dunkler und dunkler. Ihre Brust hob und senkte sich. Noch ein Augen-blick, und sie wäre bereit gewesen, einen Skandal zu in-szenieren. Ein paar kicherten; den meisten war das alles sicht-lich angenehm. Die Nachbarn des Proviantbeamten stießen ihn mit dem Ellbogen an und flüsterten ihm etwas zu. Offen-bar wollten sie die beiden gegeneinanderhetzen.

»Er-er-erlauben Sie mir die Frage: wen meinen Sie mit Ihren Worten?« wandte sich der Proviantbeamte an sie; »das heißt, auf wen ... waren Ihre Worte jetzt ... Ach, lassen wir das! Unsinn! Eine Witwe! Eine arme Witwe! Ich ver-zeihe ihr ... Ich passe!«

Er stürzte abermals ein Glas Wodka hinunter.

Raskolnikow saß da und lauschte schweigend und ange-ekelt. Nur aus Höflichkeit aß er ein paar Bissen von dem, was ihm Katerina Iwanowna jeden Augenblick auf den Teller häufte; und auch das tat er nur, um sie nicht zu be-

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