noch besprach sie sich mit Rasumichin, was sie eigentlich der Mutter antworten wollten, falls sie nach Raskolnikow fragte. Sie erfanden gemeinsam für Pulcheria Alexandrowna eine ganze Geschichte, daß Raskolnikow irgendwohin, weit weg, an die Grenze Rußlands, gereist sei, in einem privaten Auf-trag, der ihm endlich Geld und Ruhm eintragen werde. Aber es verblüffte sie beide, daß Pulcheria Alexandrowna weder damals noch später irgendwelche Fragen stellte. Im Gegen-teil, sie kam selbst mit einer ganzen Geschichte über die plötz-liche Abreise ihres Sohnes; unter Tränen erzählte sie, wie er sie aufgesucht habe, um sich von ihr zu verabschieden; da-bei gab sie andeutungsweise zu verstehen, daß ihr allein viele überaus wichtige, geheimnisvolle Umstände bekannt seien und daß Rodja viele höchst einflußreiche Feinde habe, so daß er sich sogar verbergen müsse. Was jedoch seine künftige Kar-riere betraf, so war auch Pulcheria Alexandrowna der Mei-nung, daß er unbezweifelbar einen glänzenden Aufstieg neh-men müsse, sobald gewisse widrige Umstände aus dem Wege geräumt wären; sie versicherte Rasumichin, ihr Sohn werde später noch ein berühmter Staatsmann werden, was sein Artikel und seine blendende literarische Begabung bewiesen. Diesen Artikel las sie immer wieder; sie las ihn manchmal sogar vor; fast nahm sie die Zeitschrift mit ins Bett; aber trotzdem stellte sie nie eine Frage, wo sich Rodja jetzt eigentlich aufhalte, sogar ungeachtet der Tatsache, daß man sichtlich vermied, mit ihr darüber zu sprechen – was allein schon ihren Argwohn hätte erwecken können. Schließlich be-gannen Dunja und Rasumichin dieses hartnäckige Schweigen Pulcheria Alexandrownas über gewisse Punkte zu fürchten. Sie beklagte sich zum Beispiel nicht einmal darüber, daß sie keine Briefe von ihm erhielt, obwohl sie doch früher, solange sie noch in ihrer kleinen Stadt gewohnt hatte, einzig in der Hoffnung und in der Erwartung gelebt hatte, möglichst bald einen Brief von ihrem geliebten Rodja zu bekommen. Diese letzte Tatsache war kaum zu begreifen und beunruhigte Dunja sehr; ihr kam der Gedanke, daß die Mutter wohl etwas Furchtbares für das Schicksal ihres Sohnes ahnte und Angst hatte, Fragen zu stellen, um nicht etwas noch Schlimmeres zu

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