lich kein Traum mehr, sondern stand in einer neuen, bedroh-lichen, völlig unbekannten Form vor ihm, und dessen wurde er sich bewußt. Sein Kopf dröhnte ihm; ihm wurde dunkel vor Augen.

Hastig blickte er sich um; er suchte etwas. Er wollte sich setzen und suchte eine Bank – er befand sich gerade auf dem K.-Boulevard. Vor sich sah er eine Bank, an die hundert Schritt entfernt. Er ging, so schnell er konnte, doch unterwegs hatte er ein kleines Erlebnis, das für einige Minuten seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm.

Während er die Bank suchte, bemerkte er etwa zwanzig Schritt vor sich eine Frau, doch schenkte er ihr anfangs eben-sowenig Beachtung wie allen anderen Gegenständen, die bis-her an seinem Blick vorbeigeglitten waren. Es war ihm schon oft zugestoßen, daß er zum Beispiel nach Hause ging und sich des Weges überhaupt nicht bewußt wurde, und er war schon daran gewöhnt, so zu gehen. Doch diese Frau vor ihm hatte etwas so Seltsames und schon auf den ersten Blick Auf-fallendes an sich, daß seine Aufmerksamkeit mehr und mehr von ihr gefesselt wurde – anfangs unwillkürlich und gleich-sam verärgert, dann aber immer stärker. Plötzlich hatte er den Wunsch dahinterzukommen, was denn eigentlich an die-ser Frau so sonderbar sei. Erstens ging sie, die offenbar noch ein sehr junges Mädchen war, in dieser Sonnenglut barhaupt und ohne Schirm und ohne Handschuhe und schlenkerte irgendwie komisch mit den Armen. Sie trug ein Kleid aus leichter Seide; aber auch das hatte sie auf eine merkwürdige Art angezogen: es war kaum zugeknöpft und hinten an der Taille, dort wo der Rock angesetzt war, zerrissen; ein ganzer Fetzen hing herunter. Ein kleines Tuch lag ihr um den bloßen Hals, saß aber schief und war zur Seite gerutscht. Zu alledem ging das Mädchen sehr unsicher; es strauchelte und taumelte nach allen Seiten. Dieser Anblick erweckte schließlich die ganze Aufmerksamkeit Raskolnikows. Dicht bei der Bank holte er das Mädchen ein, sie aber ließ sich, sobald sie zu der Bank gekommen war, auf das eine Ende fallen, warf den Kopf auf die Lehne und schloß die Augen, offenbar aufs äußerste erschöpft. Als er sie genauer betrachtete, erriet er

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