so ausdrücken darf, spiegelte sich mit einem Schlag in ihren Zügen.
»Geschlagen! Was sagen Sie da? Du lieber Gott, geschlagen hätte sie mich?! Und selbst wenn sie es getan hätte, was wäre dabei? Nun, was wäre dabei? Sie wissen nichts, gar nichts ... Sie ist eine so unglückliche Frau, ach, wie unglücklich! Und krank ... Sie sucht Gerechtigkeit ... sie ist rein. Sie glaubt felsenfest daran, daß in allem Gerechtigkeit walten muß, sie fordert es . .. Und wenn man sie auch folterte, sie würde nichts Unrechtes tun. Sie selbst merkt gar nicht, wie unmög-lich es ist, daß es unter den Menschen gerecht zugehe, und sie wird zornig ... wie ein Kind, wie ein Kind! Sie ist ge-recht, gerecht!«
»Und was soll jetzt aus Ihnen werden?«
Sonja sah ihn fragend an.
»Sie müssen doch jetzt für alle sorgen. Freilich lag auch bisher die ganze Last auf Ihren Schultern, und der Verstor-bene kam trotzdem zu Ihnen und bat Sie um Geld, damit er seinen Katzenjammer ertränken konnte. Aber was wird jetzt?«
»Ich weiß es nicht«, antwortete Sonja traurig.
»Bleiben sie dort wohnen?«
»Das weiß ich nicht; sie sind der Wirtin schon die Miete schuldig, und heute hörte ich, daß sie ausziehen müssen. Katerina Iwanowna sagt selbst, daß sie keine Minute länger bleiben würde.«
»Woher nimmt sie diesen Mut? Verläßt sie sich auf Sie?«
»Ach nein, so dürfen Sie nicht sprechen! ... Wir gehören doch zusammen«, sagte Sonja, plötzlich wieder erregt, ja geradezu gereizt, genauso, als wäre ein Kanarienvogel oder ein anderes kleines Vögelchen böse geworden. »Und was soll sie denn machen? Was denn, was?« fragte sie eifrig und auf-geregt. »Und wie sehr sie heute geweint hat, wie sehr! Sie ist ganz wirr im Kopfe, haben Sie das nicht gemerkt? Völlig wirr: bald macht sie sich Sorgen wie ein kleines Kind, daß morgen auch alles in Ordnung sei, daß es einen Imbiß gebe und so fort ... bald ringt sie die Hände, hustet Blut, weint und schlägt plötzlich mit dem Kopf gegen die Wand, als wäre sie
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