Theorien; von irgendwoher sind die Juden gekommen und raffen das Geld zusammen, und alle übrigen frönen dem Laster. Und so wehte mich diese Stadt schon in den ersten Stunden mit ihrem vertrauten Geruch an. Ich geriet auf einen sogenannten Tanzabend – eine schreckliche Kloake, aber ich liebe gerade diese dreckigen Kloaken. Natürlich wurde Cancan getanzt wie sonst nirgends, und wie es ihn zu meiner Zeit nicht gegeben hat. Ja, mein Herr, darin liegt Fortschritt! Plötzlich entdeckte ich ein Mädchen von etwa dreizehn Jah-ren, sehr lieb angezogen, das mit einem Virtuosen in diesem Fach tanzte; einen zweiten hatte sie als Visavis. An der Wand saß ihre Mutter auf einem Stuhl. Nun, Sie können sich ja vorstellen, wie dieser Cancan aussah! Das Mädchen wurde verlegen, wurde rot, schließlich war es beleidigt und begann zu weinen. Der Virtuose packte sie und begann sie herumzu-wirbeln und alle seine Künste zu zeigen; alles ringsum grölte vor Lachen – ich liebe in solchen Augenblicken das Peters-burger Publikum, wäre es auch nur bei einem Cancan –; die Leute lachten und schrien: ,So ist's recht! Warum bringt man auch Kinder hierher!' Nun, ich brauchte mich ja nicht darum zu kümmern, und es ging mich auch nichts an, ob sie sich logisch oder nicht logisch unterhielten! Ich wußte gleich, was ich zu tun hatte, setzte mich zu der Mutter und begann damit, daß auch ich hier fremd sei, daß die Leute hier un-geschliffene Kerle seien und daß sie es nicht verstünden, wahre Würde zu erkennen und den gebührenden Respekt zu zeigen; ich gab ihr zu verstehen, daß ich viel Geld hätte, lud sie in meinen Wagen ein, brachte sie nach Hause, und die Be-kanntschaft war geschlossen. Sie wohnen in einem Kämmer-chen in Untermiete und sind eben erst hier angekommen. Die Mutter erklärte mir, daß sowohl sie wie ihre Tochter die Bekanntschaft mit mir nicht anders betrachten könnten denn als Ehre; ich erfuhr, daß sie keinen roten Heller be-sitzen und hierhergekommen sind, um bei irgendeiner Be-hörde irgendeine Angelegenheit zu betreiben; ich bot ihnen meine Dienste und mein Geld an; ich hörte, daß sie aus Ver-sehen zu diesem Abend gegangen waren, weil sie geglaubt hatten, dort werde wirklich Unterricht im Tanzen gegeben;

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