durfte; er fühlte es nur, und dieses qualvolle Bewußtsein der eigenen Ohnmacht gegenüber dem, was notwendig war, erdrückte ihn beinahe. Um nicht weiter nachzugrübeln und sich zu quälen, öffnete er rasch die Tür, und schon von der Schwelle aus erblickte er Sonja. Sie saß beim Tisch, hatte die Ellbogen aufgestützt und das Gesicht in den Händen verbor-gen, doch als sie Raskolnikow sah, stand sie rasch auf und ging ihm entgegen, als ob sie ihn erwartet hätte.
»Was wäre ohne Sie aus mir geworden!« sagte sie schnell, als sie in der Mitte des Zimmers mit ihm zusammentraf.
Das war es offenbar, was sie ihm so rasch wie möglich hatte sagen wollen und weshalb sie auf ihn gewartet hatte.
Raskolnikow ging zum Tisch und setzte sich auf den Stuhl, von dem sie sich gerade erhoben hatte. Sie stand zwei Schritte vor ihm, genauso wie gestern.
»Nun, Sonja«, sagte er, und er fühlte plötzlich, wie seine Stimme zitterte, »die ganze Geschichte stützte sich ja einzig auf Ihre gesellschaftliche Stellung und auf die damit verbun-denen Gewohnheiten'. Haben Sie das vorhin verstanden?«
Ihr Gesicht drückte tiefes Leid aus.
»Reden Sie bitte nicht wieder so mit mir wie gestern!« unterbrach sie ihn. »Bitte, fangen Sie nicht wieder davon an. Ich habe ohnedies genug Kummer ...«
Sie lächelte flüchtig, da sie befürchtete, dieser Vorwurf könne ihm vielleicht mißfallen.
»Es war sicher dumm von mir, vorhin wegzulaufen. Was ist jetzt dort los? Ich wollte schon wieder zurückgehen, aber ich dachte, daß ... daß vielleicht Sie kämen.«
Er erzählte ihr, daß Amalja Iwanowna die Familie aus dem Hause gejagt habe und daß Katerina Iwanowna weg-gelaufen sei, um irgendwo »Gerechtigkeit zu suchen«.
»O Gott!« rief Sonja. »Rasch! Gehen wir zurück ...«
Und sie ergriff ihren Mantel.
»Es ist immer und ewig das gleiche!« rief Raskolnikow ge-reizt. »Sie denken an nichts anderes als an sie! Bleiben Sie doch bei mir!«
»Und ... Katerina Iwanowna?«
»Katerina Iwanowna läuft Ihnen nicht davon; sie kommt
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