und umfing ihre Knie. Im ersten Augenblick erschrak sie furchtbar, und sie wurde totenblaß im Gesicht. Sie sprang auf und sah ihn zitternd an. Doch sofort, in derselben Sekunde noch, verstand sie alles. In ihren Augen leuchtete unend-liches Glück auf; sie hatte erkann: – und es gab für sie keinen Zweifel mehr –, daß er sie liebte, grenzenlos liebte und daß dieser Augenblick endlich gekommen war ...

Sie wollten sprechen, konnten es aber nicht. Tränen standen in ihren Augen. Beide waren sie blaß und mager; doch in ihren kranken, bleichen Gesichtern leuchtete schon das Morgenrot einer neuen Zukunft, der Auferstehung zu einem neuen Leben. Die Liebe hatte sie erweckt; in ihren Her-zen waren unversiegliche Lebensquellen füreinander aufge-gebrochen ...

Sie beschlossen, zu warten und auszuharren. Es blieben ih-nen noch sieben Jahre unerträglicher Qual, aber auch unnenn-baren Glücks. Er war auferstanden und wußte das, fühlte es mit seinem ganzen erneuerten Wesen, und sie – sie lebte ja nur in ihm!

Am Abend desselben Tages, als man das Zuchthaus schon abgeschlossen hatte, lag Raskolnikow auf seiner Pritsche und dachte an Sonja. An diesem Tage schien es ihm geradezu, als ob alle die Sträflinge, seine früheren Feinde, ihn schon ganz anders betrachteten. Er hatte sogar selbst Gespräche mit ihnen angeknüpft und freundliche Antworten erhalten. Er dachte darüber nach, doch das mußte jetzt wohl so sein – mußte sich denn jetzt nicht alles ändern?

Er dachte an Sonja. Er entsann sich, wie er sie ständig ge-quält und ihr Herz gemartert hatte; er entsann sich ihres blas-sen, mageren Gesichtes; aber diese Erinnerungen bedrückten ihn kaum mehr, denn er wußte, mit welch unendlicher Liebe er von nun an all ihre Leiden vergelten wollte.

Und was lag denn an allen, allen Qualen der Vergangen-heit? Alles, sogar sein Verbrechen, sogar das Urteil und die Verbannung, erschien ihm jetzt, im ersten Aufschwung seines Gefühls, als ein äußerliches, seltsames Geschehnis, das gewis-sermaßen gar nicht ihm widerfahren war. Übrigens vermochte er an diesem Abend nicht lange an ein und dieselbe Sache zu

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