»Für den Unterricht von Kindern zahlt man nur ein paar Kopeken. Was soll ich damit anfangen?« fuhr er widerwillig fort, als gäbe er sich selbst Antwort.
»Und du möchtest wohl ein ganzes Kapital auf einmal?«
Er blickte sie seltsam an.
»Ja, ein ganzes Kapital!« erwiderte er nach kurzem Schwei-gen in festem Ton.
»Na, nur langsam, du erschreckst einen ja; man bekommt geradezu Angst vor dir. Soll ich dir jetzt das Brötchen holen oder nicht?«
»Wie du willst.«
»Ach ja, das hätte ich fast vergessen! Gestern abend, als du weg warst, ist ein Brief für dich gekommen.«
»Ein Brief? Für mich? Von wem?«
»Von wem weiß ich nicht. Dem Postboten habe ich aus meiner eigenen Tasche drei Kopeken gezahlt. Kannst du sie mir zurückgeben?«
»So bring ihn doch schon, um Himmels willen, bring ihn!« rief Raskolnikow in größter Aufregung. »O Gott!«
Nach einem Augenblick war der Brief da. Und richtig: er kam von Raskolnikows Mutter, aus dem Gouvernement R. Er wurde geradezu bleich, als er das Schreiben entgegen-nahm. Schon lang hatte er keine Briefe mehr erhalten; aber jetzt preßte ihm noch etwas anderes plötzlich das Herz zu-sammen.
»Nastasja, geh um Gottes willen; hier hast du deine drei Kopeken, nur geh um Gottes willen rasch!«
Der Brief zitterte in Raskolnikows Händen; vor der Magd wollte er das Schreiben nicht öffnen: er wollte mit diesem Brief allein sein. Als Nastasja fortgegangen war, hob er ihn rasch an die Lippen und küßte ihn; dann blickte er lange die Handschrift der Adresse an, die wohlvertraute und ihm so liebe, zierliche, etwas schräge Handschrift seiner Mutter, die ihn einst lesen und schreiben gelehrt hatte. Er zögerte; er schien sich sogar vor etwas zu fürchten. Endlich öffnete er das Schreiben – der Brief war lang, auf starkem Papier geschrie-ben, zwei Lot schwer; zwei große Bogen Briefpapier waren ganz fein und klein vollgeschrieben.