»Und werden Sie auch mich liebhaben?«
Er sah, wie statt einer Antwort das Gesichtchen der Kleinen sich ihm näherte und wie die vollen Lippen sich naiv vor-wölbten, um ihn zu küssen. Plötzlich umfingen ihn ihre streichholzdünnen Arme fest, sehr fest; ihr Kopf neigte sich an seine Schulter, und das Mädchen begann leise zu weinen, während sie das Gesicht immer enger an ihn schmiegte.
»Es tut mir leid um Papa!« sagte sie nach einer Minute, während sie ihr verweintes Gesicht hob und sich mit den Händen die Tränen wegwischte. »Bei uns kommt jetzt ein Unglück nach dem andern«, fügte sie dann unerwartet hinzu, mit jener gemacht würdevollen Miene, wie Kinder sie auf-setzen, wenn sie reden wollen wie »die Großen«.
»Und hat Ihr Papa Sie liebgehabt?«
»Er liebte Lidotschka mehr als uns alle«, sprach sie sehr ernst, und ohne zu lächeln, weiter, jetzt schon ganz so, wie Erwachsene reden. »Er liebte sie, weil sie klein war, und dann auch noch ihrer Krankheit wegen; er brachte ihr immer Geschenke mit, und uns lehrte er lesen, und mich unterrichtete er in Grammatik und Religion«, fügte sie würdevoll hinzu. »Mama sagte zwar nichts, aber wir wußten, daß sie das gern sah, und Papa wußte es auch, und Mama will mich im Fran-zösischen unterrichten; es ist doch schon Zeit, daß ich mir Bildung aneigne.«
»Und können Sie auch beten?«
»Ei freilich können wir das! Schon lange. Seit ich groß bin, bete ich für mich allein, aber Kolja und Lidotschka beten gemeinsam laut mit Mama; zuerst sprechen sie die ,Gottes-mutter' und dann noch ein Gebet: ,Lieber Gott, vergib un-serer Schwester Sonja und segne sie', und dann noch: ,Lie-ber Gott, vergib unserem zweiten Papa und segne ihn'; denn unser früherer Papa ist schon gestorben, und dieser hier war der zweite, aber wir beten auch für den ersten.«
»Polenka, ich heiße Rodion; beten Sie manchmal auch für mich: ,Und vergib deinem Knecht Rodion' und sonst nichts.«
»Mein ganzes Leben lang will ich künftig für Sie beten«, antwortete das Mädchen leidenschaftlich, lachte plötzlich wie-