Straßenzüge mit ihren vier- bis fünfgeschossigen Häusern und den vielen Mietsparteien, (das Haus der Pfandleiherin wird als »reinste Arche Noah«, S. 137, bezeichnet) und den schmutzigen Hinterhöfen – das ist die »Landschaft« des Romans.

Mit Anspielungen auf die verschiedenartigsten Vorkomm-nisse, auf Kriminalfälle und Attraktionen, wie sie in der Tages-presse berichtet werden und heutzutage ohne Kommentar oft gar nicht mehr verständlich sind, wird ein zusätzliches Netz von Bezügen zum Zeitgeschehen angelegt. Doch neben diesen fakti-schen Bezügen, neben der konkreten Kulisse der Stadt Petersburg sind es die damals virulenten Themen, die den Roman auch zu einem Zeitroman machen. So spielt Raskolnikow mit seiner »Theorie«, dem Recht der »starken Persönlichkeit«, die für das gewöhnliche Volk verbindlichen Normen der Moral zu übertre-ten – dem dominanten Motiv in dem Bündel widersprüchlicher Motive für seine Bluttat – auf das im März 1865 erschienene Buch Napoleons III., Histoire de Jules César, an; auch in der russi-schen Presse war über die entsprechenden vom Verfasser im Vorwort entwickelten Ansichten eine heftige Kontroverse ent-brannt.

Auf die Auseinandersetzung mit dem damaligen Bestseller, Tschernyschewskijs Was tun? Erzählungen von neuen Men-schen, wurde bereits hingewiesen. Diese Auseinandersetzung hatte Dostojewski) nicht erst mit Schuld und Sühne begonnen – 1864 bereits hatte er in seinem wohl merkwürdigsten Werk, den Aufzeichnungen aus einem Kellerloch, das Nietzsche »einen wahren Geniestreich der Psychologie« genannt hat, in der Form des Räsonnements eines verbitterten kleinen Beamten, mit dem sozialistischen Glauben an den Fortschritt der Menschheit, der Idee der »neuen Menschen«, abgerechnet. Denn dieser Fort-schritt mit seinem Glauben an die alles regelnden Naturgesetze enthebt, so argumentiert Dostojewskij mit seinem Protagoni-sten, das Individuum jeder Verantwortung für sein Tun und entmündigt es zu einer Art »Klaviertaste oder Orgelpfeife«. Tschernyschewskij gebraucht in seinem Roman das Bild des Kristallpalastes in den traumhaften Zukunftsvisionen seiner Hel-din als Emblem dieser vernunftbestimmten Gesellschaftsord-nung. Auch bei Dostojewskijs Untergrundmenschen wird dieses

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