Und wieder ging er im Zimmer auf und ab. Abermals ver-strich eine Minute.
»Verdienen Sie nicht jeden Tag etwas?«
Sonjas Verlegenheit wuchs, und wieder stieg ihr die Röte ins Gesicht.
»Nein«, flüsterte sie mit qualvoller Anstrengung.
»Poletschka wird wahrscheinlich ebenso enden wie Sie«, sagte er plötzlich.
»Nein! Nein! Das darf nicht geschehen, niemals!« schrie Sonja verzweifelt, als hätte man sie mit einem Messer ver-wundet. »Gott wird etwas so Grauenvolles nicht zulassen!«
»Bei andern läßt er es auch zu!«
»Nein, nein! Gott wird sie schützen, Gott! ...« sagte sie immer wieder, ganz außer sich.
»Aber vielleicht gibt es Gott gar nicht«, entgegnete Ras-kolnikow fast mit einer Art Schadenfreude, lachte und sah sie an.
Das Gesicht Sonjas hatte sich plötzlich erschreckend ver-ändert; krampfhafte Zuckungen liefen über ihre Züge. Unsagbar vorwurfsvoll blickte sie ihn an, wollte spre-chen, brachte aber kein Wort hervor und begann mit einem-mal bitterlich zu schluchzen, die Hände vors Gesicht ge-schlagen.
»Sie haben gesagt, Katerina Iwanowna verliere den Ver-stand, aber Sie selbst verlieren ihn ja«, sagte er, nachdem er einen Augenblick geschwiegen hatte.
Es vergingen fünf Minuten. Er ging noch immer schweigend, und ohne sie anzusehen, hin und her. Schließlich trat er auf sie zu; seine Augen funkelten. Mit beiden Händen nahm er sie bei den Schultern und schaute ihr in das tränennasse Gesicht. Der Blick seiner brennenden Augen war scharf und durch-dringend; seine Lippen zuckten ... Plötzlich beugte er sich rasch bis zum Boden und küßte ihr den Fuß. Sonja taumelte entsetzt zurück, als wäre er wahnsinnig. Und wahrhaftig, er starrte sie an wie ein völlig Wahnsinniger.
»Was tun Sie da? Was tun Sie? Vor mir!« murmelte sie totenblaß, und schmerzhaft, schmerzhaft preßte sich plötz-lich ihr Herz zusammen.