bereits auf dem gleichen Weg hinter ihm herkam und daß sie nichts gemerkt hatte. An der Ecke bog sie in ebendiese Straße ein. Er ging ihr nach, ohne den Blick von ihr zu wen-den; nachdem er etwa fünfzig Schritt gegangen war, wech-selte er wieder auf jene Seite hinüber, auf der Sonja ging, holte sie ein und folgte ihr, immer in einem Abstand von etwa fünf Schritt.

Er war ungefähr fünfzig Jahre alt, überdurchschnittlich groß, korpulent und hatte breite, steil abfallende Schultern, weshalb es aussah, als ginge er gebückt. Er war elegant und bequem gekleidet und wirkte wie ein Mann aus besseren Krei-sen. In der Hand hielt er einen hübschen Spazierstock, mit dem er bei jedem Schritt auf den Gehsteig auf stieß, und seine Hände steckten in neuen Handschuhen. Sein breites Gesicht mit den hervortretenden Backenknochen war recht angenehm und hatte, anders als es in Petersburg sonst üblich ist, eine frische Farbe. Sein Haar, noch sehr dicht, war ganz blond, vielleicht ein ganz klein wenig angegraut, und sein breiter, schaufelför-miger dichter Bart war noch heller als das Kopfhaar. Seine blauen Augen blickten kalt, hartnäckig und nachdenklich; seine Lippen waren blutrot. Überhaupt war er ein Mann, der sich gut gehalten hatte und weit jünger aussah, als er war.

Als Sonja zum Kanal kam, befanden sie sich beide allein auf dem Gehsteig. Während er sie beobachtete, konnte er fest-stellen, wie nachdenklich und zerstreut sie war. Sonja war nun vor ihrem Haus angelangt und trat ins Tor; er folgte ihr und schien einigermaßen verblüfft zu sein. Sie schritt in den Hof und wandte sich nach rechts, wo die Treppe zu ihrer Wohnung hinaufführte. »Ah!« murmelte der Unbekannte und stieg hinter ihr die Stufen empor. Erst jetzt entdeckte Sonja ihn. Sie ging in den dritten Stock, lief über die Galerie und klingelte an der Tür Nr. 9, auf der mit Kreide geschrie-ben stand: »Kapernaumow, Schneider«. »Ah!« sagte der Un-bekannte noch einmal, voll Staunen über dieses sonderbare Zusammentreffen, und klingelte nebenan vor Nr. 8. Beide Türen lagen etwa sechs Schritt voneinander entfernt.

»Wohnen Sie bei Herrn Kapernaumow?« fragte er, wäh-rend er Sonja lachend ansah. »Er hat mir gestern eine Weste

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