vorzulesen. Mit einer qualvollen Empfindung betrachtete er »die unglückliche Irre«.
»Wozu wollen Sie das? Sie sind doch nicht gläubig?« flü-sterte sie leise und stockend.
»Lies! Ich will es!« wiederholte er. »Du hast doch auch Lisaweta vorgelesen!«
Sonja öffnete das Buch und suchte die Stelle. Ihre Hände zitterten; die Stimme versagte ihr. Zweimal setzte sie an und vermochte doch das erste Wort nicht auszusprechen.
»Es lag aber einer krank mit Namen Lazarus, von Betha-nien ...« sagte sie schließlich mühsam, doch plötzlich, schon beim dritten Wort, brach ihr die Stimme und sprang wie eine zu straff gespannte Saite. Der Atem versagte ihr, und ihre Brust schnürte sich zusammen.
Raskolnikow begriff bis zu einem gewissen Grade, warum sich Sonja nicht entschließen konnte, ihm vorzulesen, und er verstand dies um so mehr, je dringender und gereiz-ter er auf dem Vorlesen beharrte. Er begriff nur allzugut, wie schwer es ihr fiel, ihr Innerstes preiszugeben und zu enthül-len. Er erkannte, daß diese Gefühle ihr seit langem gehü-tetes tiefes Geheimnis waren, vielleicht seit ihrer Kindheit schon, als sie noch im Kreis ihrer Familie, an der Seite ihres unglücklichen Vaters und ihrer vor Kummer verrückt gewor-denen Stiefmutter, gelebt hatte, mitten unter den hungern-den Kindern, unter häßlichem Geschrei und unter ständigen Vorwürfen. Doch gleichzeitig wußte er, und er wußte es mit Sicherheit, daß sie sich zwar fürchtete und sich vor irgend etwas entsetzte, wenn sie ihm jetzt vorlesen sollte, daß sie dabei aber selbst den qualvollen Wunsch hegte, ihm trotz aller Furcht und trotz allem Entsetzen vorzulesen, gerade ihm, damit er es höre, und unbedingt jetzt – »was auch daraus später werden möge! ...« Er sah das ihren Augen an; er erriet es aus ihrer begeisterten Erregung ... Sie bezwang sich, unterdrückte den Krampf in ihrer Kehle, der ihr zu Beginn des Verses die Stimme erstickt hatte, und setzte die Vorle-sung aus dem elften Kapitel des Johannes-Evangeliums fort. Sie kam zum neunzehnten Vers.
»Und viele Juden waren zu Martha und Maria gekom-