sale, Sprichwörter und Redewendungen der Landstreicher, Räu-ber und Mörder, mit denen er vier Jahre in Zwangsgemeinschaft gelebt hat, aufgezeichnet, und manches davon findet sich in seinen späteren Werken wieder.
Anfang 1854 wurde Dostojewskij aus dem Zuchthaus Omsk entlassen und mußte dann als Gemeiner beim Heer in Semipala-tinsk dienen. Langsam mußte er sich in die neuen Lebensum-stände, die neue Freiheit, hineinfinden, doch endlich konnte er wieder schreiben. In einem Brief aus dem Jahre 1856 vermutet man einen ersten konkreten Hinweis auf Schuld und Sühne: »Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr ich darunter gelitten habe, daß ich im Zuchthaus nicht schreiben durfte. Die innere Arbeit kochte nur so. Einiges geriet mir sehr gut, ich fühlte es. Ich habe im Kopf eine große Novelle, die ich für mein endgültiges Werk halte, geschaffen. Ich hatte solche Angst, daß die erste Liebe zu meinem Werk erkalten würde, wenn die Jahre vergehen und die Stunde der Verwirklichung schlägt; jene Liebe, ohne die man nicht schreiben kann. Ich hatte mich aber geirrt: die von mir geschaffene Gestalt, die dem ganzen Werk zugrunde liegt, erfor-derte einige Jahre für ihre Entwicklung, und ich bin überzeugt, daß ich alles verdorben hätte, wenn ich damals unvorbereitet und im ersten Eifer die Arbeit unternommen hätte.« (18. Januar 1856 an A. N. Majkow) – Später erwähnte er »jenes Hauptwerk« noch einmal in einem Brief an den Bruder, dem er schreibt, daß er die Arbeit daran noch aufschieben wolle bis zu seiner Rückkehr, um den Roman dann durch neue, aktuelle Beobachtungen ergänzen und bereichern zu können (Mai 1858).
Nachdem Dostojewskij durch die Fürsprache seines Freun-des, des jungen Bezirksstaatsanwalts Baron A. E. Wrangel, 1857 wieder in die früheren Rechte versetzt wurde, konnte er noch im selben Jahr, wenn auch anonym, seine Erzählung Ein kleiner Held, die er in der Peter-Pauls-Festung geschrieben hatte, ver-öffentlichen. 1857 heiratete er Maria Dmitrijewna Issajewa, die Witwe eines kleinen Beamten, mit der er bis zu ihrem Schwind-suchttod 1864 in einer nicht sehr glücklichen Ehe lebte. Vor allem aber suchte er seine ungeheuerlichen Erlebnisse in dem Toten Hause, der sibirischen Strafkolonie, literarisch zu bewälti-gen. Sicherlich aus Zensurgründen legte er sie einem unpoliti-
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