auch etwas über Sonja, versprach, irgendeinmal in der näch-sten Zeit zu Raskolnikow zu kommen, und erwähnte, er möchte sich »mit ihm beraten; denn er habe sehr dringend mit ihm zu sprechen, es gebe da einige Angelegenheiten ...« Dieses Gespräch fand im Hausflur statt, unten an der Treppe. Swidrigailow sah Raskolnikow fest in die Augen, und nach-dem er eine Weile geschwiegen hatte, fragte er mit gesenkter Stimme: »Aber was haben Sie denn, Rodion Romanytsch? Sie sind ja ganz verändert! Wahrhaftig! Da hören Sie zu und schauen einen an, und es kommt einem vor, als ob Sie gar nichts verstünden! Fassen Sie Mut! Wir wollen uns doch ein-mal richtig aussprechen; nur schade, daß ich so viele Geschäfte zu erledigen habe, fremde sowohl wie eigene ... Ach, Ro-dion Romanytsch«, fügte er plötzlich hinzu, »alle Menschen brauchen Luft, Luft, Luft! Das ist das wichtigste!«

Plötzlich trat er zur Seite, um dem Priester und dem Vor-sänger, die die Treppe hinauf wollten, Platz zu machen. Die beiden kamen, um eine Seelenmesse zu lesen; denn auf Swi-drigailows Verfügung hin wurde pünktlich zweimal am Tag eine Seelenmesse für Katerina Iwanowna gehalten. Swidri-gailow ging gleich darauf fort, Raskolnikow dagegen ver-weilte noch ein wenig, dachte nach und folgte dann dem Prie-ster in Sonjas Wohnung.

Er blieb in der Tür stehen. Der Gottesdienst begann: leise, würdig und traurig. In der Vorstellung des Todes und in dem Gefühl, daß der Tod nahe sei, hatte für Raskolnikow seit jeher, seit seiner Kindheit schon, etwas Bedrückendes und mystisch Grauenvolles gelegen; zudem hatte er schon lange keine Seelenmesse mehr gehört. Schließlich kam hier auch noch etwas anderes hinzu, etwas Entsetzliches, Beängstigendes. Er sah die Kinder an – sie knieten vor dem Sarg; Poljetschka weinte. Hinter ihnen betete Sonja, die leise und gleichsam schüchtern vor sich hinschluchzte. Sie hat mich in all den Tagen kein einziges Mal angesehen und kein Wort zu mir ge-sagt, dachte Raskolnikow. Die Sonne schien hell ins Zimmer; der Weihrauch stieg in Wolken auf; der Priester las: »Schenk ihr die ewige Ruhe, Herr!« Raskolnikow blieb bis zum Ende des Gottesdienstes. Der Priester sah ihn, während er den

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