lebendig: du genießt mit einemmal die Vorteile von dem einen so gut wie von dem anderen. Nun, mein Lieber, ich habe wieder einmal teuflischen Unsinn geschwatzt; es ist Zeit, schlafen zu gehen. Höre, ich wache nachts manchmal auf, und dann will ich zu ihm gehen und nach ihm sehen. Es ist Unsinn, das Ganze, alles ist gut. Mach auch du dir keine Sorgen; wenn du aber willst, geh auch einmal zu ihm. So-bald du aber irgend etwas bemerkst, zum Beispiel daß er phantasiert oder Fieber hat oder sonst etwas, weck mich sofort! Aber es ist ja bestimmt nichts ...«

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Ernst und voll Sorgen erwachte Rasumichin am nächsten Tag um acht Uhr. Viele neue, unvorhergesehene Zweifel hatten ihn an diesem Morgen befallen. Nicht im Traum hätte er sich früher vorstellen können, daß er jedesmal so erwachen würde. Er entsann sich all dessen, was gestern geschehen war, bis in die kleinsten Einzelheiten und erkannte, daß ihm etwas völlig Unerwartetes widerfahren war, daß er einen einzig-artigen Eindruck empfangen hatte, der ihm bislang unbe-kannt war und sich von Grund auf von allem unterschied, was ihm bis jetzt begegnet war. Gleichzeitig stand ihm klar vor Augen, daß der in ihm entbrannte Traum unerfüllbar war – so unerfüllbar, daß er sich dieses Traums zu schämen begann und rasch zu anderen, wichtigeren Sorgen und Zwei-feln überging, die ihm der »gottverfluchte gestrige Tag« als Erbe hinterlassen hatte.

Seine entsetzlichste Erinnerung war die, wie »niedrig und abscheulich« er sich gestern benommen hatte, nicht nur weil er betrunken gewesen war, sondern weil er vor dem Mäd-chen, indem er ihre Lage ausnutzte, aus dumm-übereilter Eifersucht ihren Verlobten beschimpft hatte, obwohl er weder die wechselseitigen Beziehungen und Verpflichtungen der bei-den noch auch den Mann selbst richtig kannte. Welches Recht hatte er denn, so blindlings und überstürzt über ihn zu urtei-len? Und wer hatte ihn zum Richter bestellt? Und konnte

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