schwanken, ob er hingehen solle oder nicht. Aber um keinen Preis wäre er umgekehrt; sein Entschluß war gefaßt. Außer-dem ist es ganz gleich; sie wissen ja noch nichts, dachte er, und sind daran gewöhnt, mich für einen Sonderling zu halten ... Sein Anzug sah entsetzlich aus: er war über und über schmut-zig, da Raskolnikow die ganze Nacht im Regen verbracht hatte, und zerrissen und zerfetzt. Sein Gesicht war geradezu entstellt; die Müdigkeit, das Unwetter, die körperliche Er-schöpfung und der Kampf, den er fast schon durch vierund-zwanzig Stunden mit sich selbst ausfocht, hatten ihre tiefen Spuren darin eingegraben. Die ganze Nacht hatte er, Gott weiß wo, allein verbracht. Doch war er jetzt wenigstens zu einem Entschluß gekommen.

Er klopfte an die Tür; seine Mutter öffnete ihm. Du-njetschka war nicht zu Hause. Zufällig war um diese Zeit nicht einmal das Dienstmädchen anwesend. Pulcheria Ale-xandrowna stand vor freudigem Staunen anfangs ganz starr da; dann nahm sie ihn bei der Hand und zog ihn ins Zimmer.

»Nun, da bist du ja«, begann sie, stammelnd vor Freude. »Sei mir nicht böse, Rodja, daß ich dich so dumm empfange, mit Tränen; ich lache ja und weine gar nicht. Glaubst du, ich weine? Nein, ich freue mich, aber ich habe nun einmal diese alberne Angewohnheit, daß mir immer gleich die Tränen kommen. Das ist seit dem Tod deines Vaters so, daß ich über alles gleich weine. Setz dich, Liebster, du bist sicher müde, das sehe ich. Ach, wie schmutzig du bist!«

»Ich bin gestern in den Regen gekommen, Mama ...« ent-gegnete Raskolnikow.

»Aber nein, nein!« rief Pulcheria Alexandrowna, die ihn rasch unterbrach. »Du glaubst wohl, ich wollte dich jetzt aus-fragen, wie ich es früher getan habe und wie es alte Weiber so an sich haben? Mach dir aber keine Sorgen. Ich verstehe dich ja, ich verstehe alles; inzwischen habe ich gelernt, wie es hier in Petersburg zugeht, und wahrhaftig, ich sehe selbst ein, daß die hiesige Manier gescheiter ist. Ich kam ein für allemal zu dem Schluß: wie könnte ich denn deine Pläne verstehen und wie sollte ich von dir Rechenschaft fordern? Gott weiß, was für Angelegenheiten und Entwürfe du viel-

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