weit mehr von dem furchtbaren Schicksal ihres Sohnes ge-ahnt hatte, als man vermutete.
Raskolnikow erfuhr lange nichts von dem Tod seiner Mutter, obwohl der Briefwechsel mit Petersburg gleich zu Beginn seines Aufenthaltes in Sibirien in Gang gekommen war. Er wurde von Sonja geführt, die pünktlich jeden Monat an Rasu-michin schrieb und pünktlich jeden Monat Antwort von ihm erhielt. Die Briefe Sonjas kamen Dunja und Rasumichin an-fangs irgendwie trocken und unbefriedigend vor; doch zu-letzt fanden beide, daß sie unmöglich besser schreiben konnte, denn ihre Briefe vermittelten trotz allem die vollständigste und genaueste Vorstellung von dem Los ihres unglücklichen Bruders. Sonjas Briefe waren voll der alltäglichsten Wirk-lichkeit; sie veranschaulichte auf die schlichteste und klarste Weise das ganze Milieu, in dem Raskolnikow als Zwangs-arbeiter lebte. Sie sprach nicht von ihren eigenen Hoffnungen, richtete keine Fragen an die Zukunft und schilderte auch nicht ihre eigenen Gefühle. Statt ihre Gemütsverfassung und überhaupt ihr ganzes inneres Leben zu beschreiben, teilte sie nur Tatsachen mit, das heißt, sie gab Raskolnikows eigene Worte wieder, berichtete ausführlich über seinen Gesundheits-zustand, schrieb, was er an diesem oder jenem Tage bei einer Zusammenkunft gewünscht, worum er gebeten, was er ihr aufgetragen hatte, und so weiter. All das wurde mit unge-wöhnlicher Genauigkeit erzählt. Und schließlich ergab sich daraus ganz von selbst das Bild des unglücklichen Bruders, genau und klar gezeichnet; nichts konnte falsch daran sein, denn es gründete sich allein auf Tatsachen.
Dunja und ihr Mann konnten diesen Mitteilungen, be-sonders anfangs, nur wenig Erfreuliches entnehmen. Sonja berichtete immer wieder, daß er ständig mürrisch und ver-schlossen sei und sich fast nicht für die Nachrichten interes-siere, die sie ihm jedesmal aus den an sie gerichteten Briefen übermittle; immer wieder habe er nach der Mutter gefragt, und als sie gemerkt habe, daß er die Wahrheit ahnte, habe sie ihm schließlich von ihrem Tod Mitteilung gemacht; aber zu ihrem Erstaunen habe sogar die Nachricht vom Tod seiner Mutter keinen sehr tiefen Eindruck auf ihn gemacht; wenigstens
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